Eine Stadt sucht ihresgleichen …

 

Orlando besuchen heißt noch lange nicht in Orlando weilen. Es dauert nicht lange, jedenfalls bei richtigem Timing, bis man eine der aufregendsten Orte der Raumfahrt erreicht. Cape Kennedy - oder wieder Cape Canaveral. Dort stehen die Träume der mächtigsten Industrienation im Museum, oder tief begraben. Amerika hat sich in der Raumfahrt verzockt.

Das Raumfahrtzentrum steht mitten in der Wildnis, man kann dort Alligatoren oder Gürteltieren begegnen, aber mittlerweile nicht mehr jungen Raumfahrtpionieren wie dem Major der bezaubernden Jeannie. Nachdem man in einem beispiellosen Kraftakt den Befehl von John F. Kennedy, bis zum Ende des Jahrzehnts einen Amerikaner auf den Mond zu bringen, vorzeitig erfüllt hat, schlaffte die Nation ab. Die Helden hatten nur wenig mehr als Steinbrocken mitgebracht. Deswegen erzählt eine kleine Brigade von Führern Geschichten über die Nutzen der Raumfahrt. Die Teflonpfanne ist mit dabei.

Ich wollte mal einem Start einer Space Shuttle beiwohnen. Gute Idee - so gut, dass anscheinend einige Millionen Amerikaner und Touristen dieselbe hatten. Natürlich waren das gefühlte Millionen, in Wirklichkeit hatten sich etwa 500.000 um Mitternacht auf die Socken gemacht. Wir fuhren die ganze Nacht wie im Sirup. Zunächst ging es flott aus Orlando raus, dann wurde der Verkehr immer langsamer. Kurz vor Morgengrauen standen wir viele Kilometer entfernt mitten auf der Autobahn. In der Ferne sah man das Wunderding. Aus allen Autos quollen Radioberichte.

Erst ma frühstücken! Viele Nachbar hatten ihre Tische auf der Fahrbahn aufgebaut, Kaffee und Hamburger kriegte man überall angeboten. Mir war nach Spiegeleiern, aber keiner hatte ein Huhn mit. Plötzlich ein lauter Ruf und alle standen auf. In der Ferne sah man die Raketen zünden - das Radio übertrug das Countdown. Ten - nine - eight - seven - six - pffffft!

Jetzt hätte man eine Videokamera auf dem Dach. Die ganze Menschenmasse stürzte sich in die Automasse und preschte völlig unamerikanisch los. Die Jungs wussten schon warum. Minuten später standen wir in einem massiven Stau, dessen Grenzen nur die Polizeihubschrauber sehen konnten. jetzt standen wir zwar wieder auf der Stelle, Tische aufbauen durfte man aber nicht mehr. Der Flug war einige Wochen verschoben worden, weil irgend etwas nicht so wollte. Seit der Challenger-Katastrophe waren die NASA´s vorsichtig geworden.

Ob es die weiterhin in der gleichen Rolle gibt, weiß man nicht. Die NASA hat die goldene Bauernregel missachtet, dass man nicht alle Eier in den selben Korb packen sollte. Weg mit den Wegwerfraketen - hin zu wieder verwendbaren Raumschiffen. Und so eine feine elegante Elektronik, wo die Russen mit ihren groben Schaltungen nie wieder eine Konkurrenz bilden werden!

Aus der Traum. Die Russen mit ihrer „groben“ Technik, sprich primitive Raketen, halten die Raumstation ISS am Leben, während die imposante Sternenflotte gegen Ende 2010 an die Kette gelegt wird. Die Europäer, Lachnummer der Raumfahrt mit ihren Raketen, von denen jede Stufe ein anderes Land baute, haben die babylonische Sprachvielfalt mit Hilfe der amerikanischen Sprache überwunden, es gibt ein Ingenieur-English, und die Ariane fliegt tonnenweise Satelliten ins All.

Cape Canaveral lernt einen Demut üben. Als Jugendlicher hoffte ich, dass sie bald die Mondfahrt auf Schülerticket anbieten mögen, damit wir besser die Schule schwänzen konnten. Beim Start der Apolle 8, mit der Menschen zum ersten Mal die Erde verlassen haben, ist mir der Atem weggeblieben. Als Apollo 11 auf dem Mond landete, haben wir die ganze Nacht gewacht, um den ersten Schritt mitzubekommen. Und nun das! Vor der mächtigen Rakete steht ein Mann mit einer Klimaanlage auf seinen Schultern und mimt Aldrin auf dem Mond. Die Klimaanlage ersetzt in dem Astronautenanzug das Atemgerät, das auf der Erde nicht benötigt wird. Dafür braucht man in Florida wirklich eine Klimaanlage, wenn man im Mondanzug herumlaufen möchte.

Wo um Gottes Willen ist Orlando? Bevor sich Walt Disney für einen Erlebnispark entschied, hätte man so etwas häufig hören können, wenn man erzählen würde, man sei in Orlando gewesen. Dabei ist die Stadt nicht einmal sehr jung - natürlich in amerikanischen Verhältnissen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wohnten hier Indianer, aber schon 50 Jahre später war Orlando Hauptstadt, nachdem man die County mit dem geschäftsschädigenden Namen Mosquito County geteilt hatte. Die Provinz wurde nach der Frucht benannt, die hier am besten wuchs und wächst, Orangen. Orlando wurde in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts zum Zentrum der Zitrusindustrie schlechthin. Ja, Monokulturen sind tödlich. 1894 vernichtete ein Frost, „Big Freeze“ die gesamte Zitruslandschaft und eine lange Schlafperiode für Orlando begann.

Bevor die Bewohner aufwachten, hatten Leute angefangen, heimlich Land zu kaufen. Dadurch machte der Konzern Walt Disney einen Fehler wett, den er in Anaheim begangen hatte. Dort war ein Themenpark gegründet worden, Disneyland, ohne viel Land zu kaufen.Disneyland platzte bald aus den Nähten. Bei Orlando hat man etwa 15.000 ha aufgekauft - und Disney World war geboren. Zum 1. Oktober 1971 öffnete der Themenpark seine Pforten und schloss sie nie wieder.

Disney World besteht aus vier Themenparks und beschäftigt etwa 60.000 Menschen. Ein fantastischer Film mit Yul Brynner, mit einem russisch-mongolisch-schweizerisch-US-amerikanischer Schauspieler, Westworld, spielt hier. Man kann in den Themenparks Revolverheld, Ritter oder römischer Herrscher werden und sich dem Kampf mit Androiden stellen, wird aber immer Sieger. Die Waffen der Androiden können nämlich Wärmestrahlung ausmachen und werden dadurch blockiert. Der Gast kann die weg ballern.

War Disney World bis zur Mitte der 1980er Jahre das dominierende Element in Orlando, muss man heute lange suchen, bis man dort ankommt, jedenfalls wenn man Disney World = Orlando denkt. Eine Unmenge großer Themenparks und Resorts hat sich in der Umgebung nieder gelassen und Orlando zur Touri-Hauptstadt von Amerika gemacht. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Oder doch - Amerikaner sind ja Puritaner, deswegen kann man nur bei den Seminolen Zocken gehen. So mit dem sündigen Nachtleben haben die auch nicht. Einmal war ich mit einer großen Kongressgruppe dort unterwegs. Ein Professor aus den Niederlanden schickte einen Assistenten los, der uns sechs Bier bringen sollte. Der Barkeeper hat aus der Ferne sein Ankommen bemerkt und gab ihm fünf Bier. Ein Holländer sah aus, als wäre er noch nicht 21.

In Wut geraten, schickte der Prof. einen Spähtrupp los, der Bier aus einer Tankstelle holen sollte. Njet - Punkt Mitternacht waren die Automaten abgestellt worden. Da wir uns unbedingt amüsieren wollten, fuhren wir nachts noch nach Daytona Beach schwimmen. An schlafen dachte niemand, es war unsere letzte Nacht in Florida. So hatten wir eine schöne Badenacht - auch wenn ohne Bier!

So schlimm sieht es in Disney World nicht aus, sondern im Gegenteil. Alles ist perfekt organisiert, was im Film ins Gegenteil gedreht wurde, damit Spannung aufkommt. Disney World ist etwa so verrucht wie Doris Day, Spitzname „älteste Jungfrau der Welt“. Nur an zwei Orten der Welt gibt es nach meiner Meinung das Verbot, Kaugummis auszuspucken, Singapur und Disney World.

In Disney World habe ich zum ersten Mal im Leben keine winselnden Kinder um mich gehabt, die um die nächste Fahrt mit der Achterbahn bettelten. Man zahlt Eintritt und ist frei. Ich schätze mal, dass das die erste Flatrate im Rummelgeschäft war. Mittlerweile haben viele andere das kapiert, aber so großzügig wie in Disney World war es doch nie. Man muss sich meistens für Stunden an den Attraktionen in die Schlange bemühen und sich auch noch von Monitoren am Leidensweg mit Werbung berieseln lassen. Damit ich auch noch von der Bettelei um die nächste Wurst frei kaufen konnte, habe ich den Kindern das parkeigene Geld geschenkt. Jede bekam 15 Disney $ und musste damit auskommen.

Die Biester dachten aber nicht daran, die schönen Dollars auszugeben. Sie wollten die als Souvenir mit nach Hause nehmen. Aber wie? Nachts im Camper wachte ich durch Geräusche auf. Die Kinder schmierten sich Brote, räuberten die Küche aus und stopften alles in meinen Rucksack. Aha! Ich schloss wieder die Augen, ohne dass sie mein Aufwachen gemerkt haben. Jetzt ging es darum, sie von dem Rucksack fern zu halten. Nachdem sie ein paar Runden auf der Achterbahn gedreht hatten, boten sie mir an, auf den Rucksack aufzupassen, damit ich auch was genieße. Ich habe mich bedankt und sagte, der Rucksack mache doch auf dem Kettenkarussell keine Probleme. Aber die netten Kinder wollten dem Vater einen großen Dienst erweisen. 

Vergnügen bis zum Umfallen

Da mir der Strand sehr gut gefallen hatte, bin ich bei einer anderen Reise wieder zu dem Ort gefahren. Diesmal war der Weg leider unendlich lange, weil sich ein großer Stau Richtung Strand bewegte. Dort angekommen suchte ich mir einen schönen Platz, um dem Sonnenuntergang zuzuschauen. Da es aber bis dahin noch Zeit war, beschloss ich, ins Wasser zu gehen. Was macht man aber mit den Autoschlüsseln? Ins Wasser mitnehmen? Entweder verliert man die oder die Batterie säuft ab. Dann ist man die ganze nacht allein an dem schönen Strand. Auch nicht so gut!

Als Segler habe ich mich an meine Peilkünste erinnert. Wenn man das dumme Ding im Sand vergräbt und drei unverdächtige Gegenstände in der Umgebung platziert, von denen aus man die Stelle peilen kann, ist die Sache geritzt. Oder? Als ich wieder an den Strand kam, war die Sonne noch kurz über dem Horizont. Da werfen nicht nur Zwerge große Schatten, sondern alle winzigen Hügelchen im Sand. Jetzt kannste peilen! Die Sonne ging unter, es wurde ständig dunkler, der dumme Schlüssel war nicht zu finden. Als auch noch der Mond aufging, wollte ich aufgeben. Da trat ich auf einen festen Gegenstand…