Naturkunde mitten in der Natur

Auch wenn der schönste Teil des Tages auf dem Pferd verbracht wurde, blieben uns genügend Stunden, um Naturstudien zu betreiben. Meist unbeabsichtigt… Die Studien begannen meistens ganz früh am Morgen, als die Pferde versuchten, in den Camper hinein zu gucken. In diesem versteckten sich seltsam angezogene Menschen, die säckeweise Möhren horteten. Das soll pferd verstehen!

Der Morgen begann unüberhörbar mit vielseitigem Gesang der Vögel, allen voran die Kookaburras. Wenn sie da sind, beherrschen sie die Szene, zumindest lautstärkemäßig. Noch exotischer für uns klangen aber die vielen Sittiche und Papageien. Etwas weiter nördlich besitzen sie die Lufthoheit. Am Creek fischten zu dieser Zeit der Kormoran und der Kingfisher, das ist unser Eisvogel. Viele Vögel sind hier unseren ähnlich - Noah hatte die Tierwelt etwas unfair behandelt. So kommen viele Vögel um die halbe Welt geflogen nach Australien, Fische schwimmen mir nichts, dir nichts von Florida mal schnell ans Great Barrier Reef. Währenddessen muss die arme Infanterie aus der restlichen Welt zusehen, wie ihre Beutelversionen den Kontinent voll im Griff haben.

Früher gab es sogar Beuteltiger und Beutelwolf. Der Tasmanische Tiger wurde 1934 ausgerottet, der Wolf auch etwa um diese Zeit. Der letzte große Beuteltierjäger, der Tasmanische Teufel, lebt nur noch im Hochland von Tasmanien. Die sind ganz schön gebeutelt, die Beutelviecher.

Der Platypus baut den Eingang zu seiner Höhle dicht über dem Wasserspiegel, so dass ihm die Kingfisher und die Kormorane zu Besuch in die Bude reinschneien könnten. Die denken aber nicht daran. Vielleicht, weil sie Angst vor der Giftkralle des Ententauchers haben. Man sieht ihn nur an der Oberfläche, wo er zuerst die Beute mampft und dabei kreisförmige Wellen wirft. Schlupff, und man sieht nur noch Luftbläschen. Abtauchen tut er geräuschlos. Ob er Angst hat, dass die Muscheln und Schnecken, die er gerne frisst, geschwind in die Ferne sausen?

Platypus und Echidna sind die einzigen Säugetiere der Welt, die Eier legen. Als die ersten Platypus nach Europa gebracht wurden (leider tot), glaubte niemand den Geschichten über das Tier. Man nahm eher an, das sei eine Art Wolpertinger. Noch in den siebziger Jahren war der Platypus Jacques Cousteau eine Expedition ins Landesinnere wert. Ein Taucherpapst im trockensten Land der Welt …

Während sich der Echidna die leckeren Ameisen gönnt, muss der Platypus hart arbeiten, um an die Schalentiere unter Wasser zu kommen. Die spürt er mit einem elektrischen Organ auf. Dass der Beruf eines Elektrikers Zukunft hat, hat der kleine Kerl wohl bereits im Erdaltertum entdeckt. Er ist ein lebendes Fossil aus der Kreidezeit. Der Platypus sieht derart absonderlich aus, dass Charles Darwin, der sonst die Schöpfung Gottes gut sortiert hat, an die Existenz eines zweiten Gottes glauben wollte: “Glaubt jemand nur seinem eigenen Verstande, könnte er ausrufen: Gewiss müssen hier zwei verschiedene Schöpfer am Werk gewesen sein.“ Da hatte aber Darwin seine Evolutionstheorie noch nicht entwickelt. Diese besagt, dass neue Spezies durch Selektion aus anderen entstehen. Darwin muss den Platypus vergessen haben, als er seine Theorie aufstellte, denn woraus soll dieses Tier denn entstanden sein?

So unerschöpflich das Gelände von Yarramalong an Tieren war, so neugierig wurde ich auf andere Tiere in der Umgebung. Wir unternahmen kleine Expeditionen in Kanus am Creek entlang, kletterten hier und da auf die Hügel, fütterten die Vögel mit der Hand und ließen abends die Possums unsere Teller sauber lecken.

Eines Tages durfte ich an einem Unterricht in Naturkunde beiwohnen. Er fand nicht bei, nicht am, nicht auf dem Mt Greville statt, sondern auf dem Kletterpfad in einem Flussbett vom Fuße des Berges bis etwa 500 m Höhe. Die Schüler kamen aus Brisbane. Ihre Privatschule schickt sie einmal jährlich hierher, damit sie die Natur nicht aus dem Bio-Labor kennen lernen. Alles, was sie lernen, lernen sie aus Anschauung.

Ab und an kommen Berichte, dass man einen Tasmanischen Tiger gesehen hätte. Leider fehlen jegliche Beweise dafür. Er wird leider nicht der einzige Tiger bleiben, den Menschen ausgerottet haben.

Von Tieren, die es nicht gibt …

Zwei Tiere machen das Einzigartige dieser Tierwelt unter sich aus. Das ist zum einen der Echidna, ein eierlegender Igel, der seine Kinder aber stillt. Sie hat eine lange klebrige Zunge, wofür wohl?

Naturkundeunterricht in der Natur

Mt. Greville birgt nicht nur Schätze an Pflanzen und Tieren, sondern auch an Gestein. Die Schüler sollten ihren Weg nach oben nicht nur hochtrampeln, sondern wie ein Forscher aufmerksam analysieren. Von oben guckten sie nachher dem Fluss hinterher, den sie am nächsten Tag mit Kanus erobern sollten.

Ganz weit in der Ferne sah man ihren künstlichen Kletterfelsen. Der stieg senkrecht hoch und wies noch dazu einige Überhänge auf. Zudem hatte der trickreiche Trainer einen üblen Scherz eingebaut: Die Steine, aus denen der Felsen zusammen gesteckt worden war, waren zum Teil lose. Wer nicht sauber geprüft hatte, wo er sich abstützt, baumelte plötzlich im Freien hoch über den Köpfen der lachenden Meute. Angetan hat mir seine Seilbahn, die es bei uns auf Kinderspielplätzen auch gibt. Allerdings musste man hier an manchen Stellen mehr als 10 Meter über der Wiese hängen.

Der Unterricht erinnerte mich an meine Jugend, wo ich unseren etwa zwei km langen Bach von der Mündung bis zur Quelle jedes Jahr mehrfach erforschte. Mir fehlte allerdings der Lehrer. Später bin ich einen längeren Bach, etwa acht km, mit einem selbst gebauten Kanadier erforscht. Das Boot habe ich an mehreren Stellen getragen, bis ich kurz vor der Quelle angekommen war. Dort sah ich Vögel, von denen weder meine Eltern noch meine Lehrer eine Ahnung hatten. Jedenfalls verstanden sie meine meine Beschreibung nicht. Das waren Kingfisher gewesen. Um das zu lernen, ohne Lehrer, habe ich mehrere Jahrzehnte und einen Flug nach Australien gebraucht.

Nach den langen Strapazen des Tages waren wieder mal die obligatorischen T-bone Steaks fällig. Ich schaffte sogar manchmal, richtige Pommes zu frittieren. Dazu gab es jede Menge geschmorte Zwiebeln, die sich später in der würzigen Luft des Campers zu Erkennen gaben.

Um uns flitzten einige Beutelratten, die unvermeidlichen Opossums, Fledermäuse und allerlei sonstiges Getier. Die Opossums benahmen sich richtig frech und versuchten, noch während des Essens etwas von der leckeren Soße zu naschen. Als sie mitgekriegt haben, dass der Camper die Quelle der vielen Möhren war, drangen sie sogar auch in unsere Schlafgemächer ein.

Zwei Stunden nach Sonnenuntergang erlosch langsam das Feuer. Es war Zeit, den Camper zu bevölkern. - Bis die Tage …

Etwa das exakte Gegenteil von Prof. Unrat, dem unvergesslichen Lehrer aus der Feder von Heinrich Mann, hielt den Unterricht am Mt. Greville. Er war Amerikaner und einer der besten outdoor-trainer der Welt. Wie alle guten Trainer, war er sanft aber bestimmt. Seine Klasse saß auf der anderen Seite des Flusses und folgte seinen Ausführungen sehr aufmerksam. Die Schüler waren aus einem Internat in Brisbane und KInder wohlbetuchter Familien. Einige Wochen mussten sie sich hier im Freien bewegen. Das war nicht etwa ein Schulausflug, sondern echter Teil des Unterrichts.

Der Unterricht fand immer dann statt, wenn die Kletterpartie uns ins Schwitzen gebracht hatte. Er ließ sich von den Schülern erklären, warum die Palmen in diesem Tal andersfarbige Blätter hatten als im Nachbartal. Dass sich die Himmelsrichtung auf die Pflanzen gravierend auswirkte, brauchte er nur mit einem kleinen Handzeichen zu erklären. Die Natur stand wie ein offenes Buch vor den Schülern, die so sogar Schulunterricht richtig genossen. Obwohl der Unterricht nicht für mich gemeint war, habe ich mächtig gelernt. Z.B. aus welchem Material die Aborigine ihre Farben mixen, die 10.000 Jahre halten, nicht in verborgenen Höhlen, sondern an der Sonne Australiens. Und warum Minihügel wie hohe Berge verschiedene Klimazonen um sich herum erzeugen.

Hier geht es vorerst weiter nach Afrika, weil ich noch alle die anderen Berichte fertig stellen muss.

In Yarramalong haben wir aber viel mehr erlebt. Kommt noch …