Auf in den Krater
Heli in die Hölle
Das Angebot war wirklich nicht fake: Heli-Piloten flogen mit zahlenden Passagieren in den Krater des Kilauea hinein. Das hat seine Bewandnis darin, dass dieser Vulkan, anders als seine Brüder wie z.B. der Ätna oder der Stromboli, keine plötzlich heftigen Eruptionen kennt. Die Leute der Vulkanüberwachung kennen seine Regungen so gut, dass man in den Krater hinein fliegen darf. Zudem befinden sich die „offenen“ Stellen, d.h. die Stellen, an denen die Lava zu sehen ist, eher jenseits des Kraters auf dem Wege zum Meer. Im Krater selbst zieht die Luft nur über den offenen Stellen senkrecht in die Höhe, gut erkennbar an den Rauchsäulen. Dicht daneben befindet sich erstarrte Lava, deren Temperatur die Piloten an der Farbe erkennen. Die Möglichkeiten der Erkennung sind so präzise, dass an mancher Stelle ein Pilot so lange schwebt, bis sich ein Loch aufmacht und den Blick ins Höllenfeuer frei gibt. Vorher sagt er einem noch, wann man die Kamera schussbereit halten soll.
Auch die Vulkanologen auf Hawaii sind große Meister ihres Fachs. Das wechselnde Lavafeld zwischen dem Krater und dem Meer, in dem viele Lavatunnel verlaufen, und die hier und dort aufplatzen, wird präzise überprüft und die Trampelpfade für die Touris freigegeben. Diese sehen aus wie weiße Ameisen über einer Chrom blitzenden schwarzen Lavawüste, die hier und dort durch Bäume, Reste von Siedlungen oder Straßen unterbrochen wird. Eine unwirkliche Welt!
Auf dieser Insel kann man das Himmel-Hölle-Spiel toll verstehen. Die Hölle spuckt Feuer aus und vernichtet alles, was lebt. Aus dem erstarrten Feuer entspringt kurze Zeit danach Leben, üppiges Leben. Alles ist im Fluss - das Wasser von den kälteren, die Lava von den wärmeren Teilen der Vulkane. Überall sprudeln Quellen, die sich in Flüsse verwandeln, die wiederum den kürzesten Weg ins Meer suchen, tausend und ein Wasserfälle. Am Ende der beschriebenen Fahrt in den Vulkan gibt es ein fliegerisches Leckerbissen als Zugabe: Der Pilot folgt dem Weg des Wassers, allerdings in umgekehrter Richtung. Er fliegt am Meer los, düst den Fluss hoch und macht an den Wasserfällen, was die Lachse tun, hoch hüpfen. Nur viel senkrechter, wozu ein Hubschrauber das wirklich geeignete Gerät abgibt. Danach wieder waagrecht vorwärts schießen, und wieder ein Hüpfer …
Als wir abflogen, sah der Kilauea in der Ferne recht bescheiden aus. Ein etwas zu groß geratener Schlot, schlecht gemauert. Er rauchte unter den Wolken vor sich hin. Den magischen Augenblick spürten wir, als der Heli die Kante der Kraters überflog und mit der Nase nach unten tauchte. Meine jüngste Tochter jauchzte vor Aufregung.
Wir erreichten im Sinkflug eines der roten Löcher, die mich an eine deutsche Fahne erinnerten, gelb bis sogar weißlich die heißesten Stellen, rot die etwas kälteren und fast schwarz die erstarrten. Der Pilot schwebte nur wenige Meter über der erstarrten Lava neben dem Loch und sagte mir, ich solle das Fenster aufschieben, damit ich in das Loch hinein filmen kann. Dazu hat er den Hubschrauber seitlich geneigt, so dass ich den Atem der Erde voll im Gesicht hatte.
Unter diesen Löchern fließen ganze Ströme von Lava, aber nur über Seitenkanäle und nicht über den Kraterrand. Sähe man die offenen Lavalöcher nicht, könnte man den Krater für einen sehr langweiligen Ort halten. So weit das Auge reicht, eine Ebene aus erstarrtem Gestein. Die Lava muss langsam hoch geschwollen sein und danach erkaltet. Der Vulkan verrät seine Aktivität hauptsächlich durch Rauch, und naturgemäß durch Schwefelgeruch. Die Helikopter zwischen den Rauchschwaden geben der Szene eine eigenartige Note.
Der ruhige Blick in die Magmakammern lässt einen leicht vergessen, dass man nirgendwo auf der Welt näher zum Ursprung allen Lebens ist, dem Feuer. Unter Big Island Hawaii kocht die Magma üppiger als sonstwo auf der Welt. Unter den Hawaii-Inseln befindet sich ein riesiger Schneidbrenner, der Löcher in die starre, kalte Pazifische Platte bohrt und sie von unten her ausdünnt, meinen Forscher.
Die drei großen von Hawaii, Mauna Kea, Mauna Loa und Kilauea bilden zwar eine Familie, aber nicht den Abschluss der Vulkankette, der Hawaii heißt. Jüngster Sproß in dieser Familie ist der Loihi. Sein Gipfel befindet sich noch ca. 1 Kilometer unterhalb der Oberfläche des Ozeans. Zu finden ist er 30 Kilometer östlich von Hawaii. Er ist äußerst aktiv und wächst ständig Richtung Meeresoberfläche. Bis Pele dorthin umzieht, wird es allerdings noch eine Weile dauern, denn auch ein Vulkan muss erwachsen werden. Vorerst kocht Loihi unter Wasser vor sich hin. Etwa in 10.000 bis 100.000 Jahren wird er aus dem Pazifik gucken. Ob er dann etwas Lebendes erblicken wird?
Wenn es denn etwas Aufregenderes geben kann, als in einen aktiven Krater zu fliegen, dann der Flug vom Rande desselben mit 250 Sachen auf den Spuren der Lava. Der Pilot kippte den Hubschrauber kurz überm Kraterrand nach vorne und gab Gas. Wir düsten förmlich über erstarrte Lavafelder, noch heile Hügel, Wälder und neu aufgehende Lavalöcher. Eine Siedlung lag noch zur Hälfte unzerstört zwischen Lavasträngen, ein Schulbus rostete auf einem Hügel vor sich hin, und ein Auto sank langsam in sich zusammen, Wochen nachdem das Feuer es umzingelt hatte. Auf den Resten eines Schulhofs erhob sich der Ständer eines Basketballkorbs.
An den hier und dort noch grünen Parzellen tauchte plötzlich ein neues Lavaloch auf, worauf Sekunden später loderndes Feuer zündelte. Zu behaupten, dass die Bäume wie Fackeln brannten, wäre eine arge Untertreibung. Sie zischten förmlich weg.
Überall sah man kleine weiße Pünktchen, die sich wie Kolonien von Insekten bewegten. Das waren Menschen, die sich das Schauspiel nicht entgehen lassen wollten. Mich schauderte es, daran zu denken, dass plötzlich der Fels unter ihnen weg schmilzt. Freier Fall in den Schlund der Hölle. Später habe ich erfahren, dass man nachts ganz in die Nähe der Lava zu Fuß hinkommt. Da wo die Leute dann stehen, ist nur wenige Meter vom Schlund der Erde entfernt. Ich glaube, dort wäre es noch aufregender als im Hubschrauber, wo man sich noch sicher fühlt, ich meine relativ sicher. Kilauea macht´s! Der Berg kocht und blubbert wie ein Suppentopf, wie ein feuriger allerdings.
Hawaii wirkt am Waikiki Beach fast so künstlich wie Las Vegas, nur nicht ganz so schlimm. Aber auch auf Oahu, der Insel mit der Hauptstadt Honolulu, kann man pure Natur erleben. Trotzdem bleibt Big Island ein einzigartiges Naturwunder, wovon Kilauea nur einen Teil bildet. Kann nur wärmstens empfohlen werden, wirklich wärmstens.
Kurz bevor wir das Meer erreichten, bremste der Pilot ab und zeigte auf ein Rechteck aus Trockenmauern. Die Lava, die ganze Ortschaften verschlungen hatte, war um dieses Rechteck herum geflossen. Der Pilot erzählte, dieses Rechteck wäre eine heilige Stätte der Ureinwohner. Diese hätten auf die Ausbrüche des Kilauea unbesorgt reagiert und behauptet, die Lava werde diese göttliche Stelle nicht behelligen. Schließlich würde sich Pele ja nicht das eigene Haus zerstören wollen. Die Ureinwohner lassen nicht gelten, das sei wie ein Wunder geschehen. Sie hätten das vorher gesagt. Das stimmt sogar und ist verbürgt.
Am Ende des rasanten Flugs über die Lavafelder kam die Krönung, die Stelle, an der sich die Lava in den Pazifik ergießt. Von oben sieht man nur Dampfwolken, dazwischen blitzen Lavaflüsse auf, die im Wasser verschwinden. Was danach passiert, sieht man in einem Tauchfilm, der hier gedreht worden ist. Die Lavaklumpen erstarren außen, sind aber innen noch heiß. Dadurch explodieren sie in kleinere Klumpen, um anschließend wieder in noch kleinere zu zerfallen. Zwischen den Dingern schwimmen Fische rum. Am Ende entsteht ein grünlich schimmernder schwarzer Sand. Hawaii hat einen Strand mehr.
Die Stelle lässt sich sogar vom Satelliten aus ablichten. Die lange Wolke besteht aber nicht aus Rauch, sondern aus Dampf. Lange Rauchschwaden kommen mal, wenn die Lava ein Stück Wald erwärmt. So lange, dass man sie in Weltraumbildern sehen kann, steht eine Rauchfahne aber nicht an.
Wann der Kilauea aufhören wird, und ob er jemals wieder einschläft, liegt in den Sternen. Er wächst ja seit nur 100.000 Jahren. Und hat es in dieser Zeit auf 6.200 m Höhe geschafft, leider vom Sockel aus. Der Berg reicht etwa 5.000 m unter den Meeresspiegel.
Yarramalong ist das Land der wilden Pferde