Mit Frau Meier in die Wüste Berge
Frau Meier, nicht die aus Ihrer Nachbarschaft, verdankt ihre Existenz Manfred Schmidt, dem Schöpfer von Nick Knatterton. Die Dame, Marke Gattin aus den 1960er Jahren, eher mit Stroh- denn mit Tropenhut, ging auf Reisen, bevor Malle und Ballermann erfunden wurden. Vielleicht so eine Art Meckermann-Touri. Ohne dass man sie auf die Rote Liste gefährdeter Arten gesetzt hätte, war sie hilflos dem Untergang geweiht. Ihr eine Träne nachzuweinen, wäre doch zu viel?
Totgesagte leben länger - leider auch Frau Meier! Auf dieser Reise erlebten wir davon sogar zwei, auch wenn bereits eine für manche Leute eine Überdosis bedeuten würde, die sie nicht heil überleben. Ich will sie M I und M II nennen, damit die wahre Identität allen verborgen bleibt. Diese muss man nämlich nicht kennen, weil diejenige, die man auf der nächsten Reise trifft, bestimmt auf einen anderen Namen hört.
Unsere beiden M´s lebten in Stadtstaaten in Norddeutschland, wobei man sich den Zusatz schenken kann, weil es in Süddeutschland nur Flächenstaaten gibt. Eine der Damen arbeitete für den Senat ihres Landes, für das Government, wie man auf Neuhochdeutsch sagt. Die zweite bemüht sich wohl heute noch um die Gesundheit bestimmter Menschen, genau gesagt, um die physische. Auf unsere Gesundheit, physisch wie psychisch, haben die beiden indes nicht allzu viel Rücksicht genommen. Man könnte das Ganze auch weniger fein ausdrücken, was, im Falle einer angemessenen Ausdrucksweise, einem leicht einen Prozess einbringen kann. Außerdem wäre diese Seite nicht jugendfrei. In gutem Deutsch lässt sich das Verhalten von Frau Meier schlecht ausdrücken.
Man hätte ihnen alles verzeihen können, hätten sie nur darauf gehört, was die Natur uns erzählt hat: Über allen Gipfeln /Ist Ruh, /In allen Wipfeln/Spürest du/ Kaum einen Hauch … Anstelle zu schweigen wie die Vögelein im Walde, schnatterten sie die unendlichen Täler des Tien Shan Gebirges unablässig voll. Tagaus - tagein!
Uns war es nicht recht, dass dies einen Dauerzustand darstellen sollte. Schließlich ist man ja Schicksalsgenosse, wenn man in dieser Gott verlassenen Gegend Cowboy spielt. Aber alle Friedenssignale wurden wieder eingerollt, als die nächste nähere Begegnung stattfand. Unsere M´s fanden immer wieder Wege, die Sympathien der anderen irgendwie zu verscherzen. So z.B., als M I einigen mit Anzeichen eines Schnupfens schroff verbot, mit ihrem Löffel in die Salatschüssel zu fahren, aus der sie zu essen gedachte. Sie besetzte auch immer den jeweiligen Sahneplatz am Tisch, pardon Tischtuch, sofort, nahm ihre Suppenportion entgegen und schleuderte in die Runde: Ich fang schon mal an. Wie unhöflich wäre es gewesen, wenn sie angefangen hätte, ohne die anderen zu informieren. Ansonsten war dieser Spruch noch sehr liebenswürdig an ihren sonstigen. Wer länger als zwei Halbsätze vorbrachte, wurde entweder mit „Bitte, keine Elobarationen“ (bei guter Laune) oder „Halt mal die Klappe“ (bei schlechter Laune) abgebremst.
Schnatt - ein neues Maß
Infolge der Abwehrmechanismen des restlichen Trecks erhielt dieser seine sehr ungewöhnliche Form. Üblicherweise reitet der „Führer“ vorne weg. Hinter ihm folgen die jeweils fittesten Reiter des Tages in ordentlicher Formation. So etwa ab der Mitte bröckelt die Kompagnie etwas ab, und am Ende kommen die Lustlosen, vorwärts getrieben durch den Lumpensammler, der alles von hinten aufrollt. Bei uns sah die Sache anders aus. Hinter dem Führer ritt fast immer M II, Zügel meterlang, Nase des Pferdes unter dem Schweif des Führerpferds. Danach folgte M I, outfit wie bei einem Ausritt beim Heidehof zur Goldenen Trense. Danach folgte lange, unheimlich lange, nichts. Dann der erste Mutige, dessen Ohren noch zu waren durch die Kälte der letzten Nacht. Nur Gehörlose können glücklich sein, wenn sie vor oder nach Frau Meier reiten.
Es dauerte nicht lange und unsere M´s erhielten neue Namen, Schnattchen und Pitti Platsch. Obwohl die Zuordnung zu einzelnen Personen leicht gewesen wäre, konnte man sich nicht einigen, wem wann welche Ehre gebühren würde. Schnattchen, die Hauptrolle, konnte man von Tag zu Tag neu vergeben. Denn die Nächte waren mitunter so qualvoll kalt, dass der Redefluss mitunter doch stockte. Keine bange - sobald die eine aufhörte, sprang die andere ein.
Um dem Ganzen auszuweichen, erfand die Truppe die Methode, nach der die Abteilung so aussah wie oben beschrieben. Für den Abstand, der einzuhalten war, wurde ein neues Maß erfunden: Schnatt. Ein Schnatt ist der Abstand, von dem aus man das Gespräch nicht mehr klar wahrnimmt. Man hört nur Gebrabbel. Bei zwei Schnatt geht der Redefluss im Rauschen unter. Und ab drei Schnatt sieht man nicht mehr das Redewerkzeug auf und unter gehen. Und man hat Ruhe!
Schnatts kann man leider nicht in Metern angeben, weil zum einen die Nähe der Flüsse über das Rauschen entscheidet und zum anderen der Wind die Redefahnen zuweilen wegweht. Im Schnitt kamen so etwa 100 m zusammen, wenn im Tien Shan Gebirge, also den Bergen Gottes, göttliche Ruhe herrschte. Hundert Meter in einem Tal von einem Dutzend Kilometern hört sich wenig an, aber trotzdem sah unsere Kompagnie wirklich seltsam aus. Vorne drei, dann lange nichts, und dann alle Reiter auf einen Haufen.
Ein knallroter Koffer in der Prairie
Am Ende eines Reittages hieß es Absitzen und Zelt aufbauen. Da kam die große Stunde von M I. Sie schleppte ihr Zeugs in die Nähe der Aufbaustelle unseres Zeltes und wartete mit einer gar nicht überraschenden Frage auf: Wohin soll der Zelteingang gucken? Am ersten Abend bekam sie darauf eine sachliche Antwort, quer zum Wind, damit dieser nicht ins Zelt weht und gar noch den Regen mitbringt. Am zweiten Abend guckten wir bereits etwas verdutzter, als die gleiche Frage kam. Das war aber nicht das Ende der Fahnenstange. An 11 Tagen mit Aufbaufronarbeit hat sie genau zehn Mal die Frage gestellt. Verbale Kommentare gaben wir ab dem dritten Tag nicht mehr ab. Uns interessierte vielmehr, warum ihr Zelt so in der Nähe des unseren aufgebaut wurde. Schließlich hatte sie sich beschwert, dass aus unserem Zelt Schnarchgeräusche kämen. Die Täler waren unendlich lang, das Zelt von M I stand trotzdem nebenan.
Das war schon bemerkenswert, weil sie Männer ohnehin für überflüssig hielt, und die drei in unserem Zelt erst recht. M I muss ein Jugendwerk von Alice Schwarzer gelesen haben, aber leider den weiteren Werdegang dieser intelligenten und intellektuellen Frau nicht weiter verfolgt. Ich nehme an, dass sie unsere Nähe gesucht hat, aus genau dem gleichen Grund, wie die Betreiberinnen von Frauenkneipen Männer in ihr Lokal lassen: Bierfässer schleppen. Die Bierkästen können sie allein schaffen, aber nicht die Fässer. Unsere M I war sehr pragmatisch veranlagt, wenn es um ihren Vorteil ging. Die Formel, nach der sie verfuhr, war einfach: Eher bei den Machos aus der Heimat, denn bei den Kirgisen, schon gar nicht weit draußen bei den Bären, Wölfen und Drachen. Na, schön! Wäre das Teilen eines Stückchens Wiese das einzige Problem, ließe es sich ertragen. Leider betrug der Abstand nicht einmal ein Schnatt, und sie hörte nicht auf.
Für die heitere Seite der Zeltnachbarschaft sorgte ein roter Koffer, ich meine, die Zeremonie dessen Rollens über die Prairie. Man kann mit größter Sicherheit unbestraft die Behauptung aufstellen, diese Berge wären zum ersten Mal Zeuge geworden, wie man einen Hardcase-Koffer über Stock und Stein zieht. Dabei hatte der Veranstalter ausdrücklich um Gepäck gebeten, das man in Satteltaschen verstauen kann. Während sich manche Tiere vornehm zurück hielten, haben andere ihren Gefühlen recht freien Lauf gelassen. Die kirgisischen Guides, denen dies von wg. Respekt vor Gästen verwehrt blieb, haben sich kurzzeitig in ihr Zelt zurück gezogen und kamen mit verschmitzten Gesichtern wieder ans Tageslicht. Hingegen beruht die Behauptung, ein Marco Polo-Mufflon hätte sein Gehörn beim Kopfschütteln verloren, auf einer bösen Verleumdung. Schafe wissen doch, was sich gehört, sie regen sich nicht über jede Dämlichkeit auf. Dass sich die Gesichtsmuskeln der Kirgisen infolge reichlichen Genusses von Kımız verzogen hätten, ist ebenso unwahr.
Nach etlichen schweren Schicksalsschlägen, habe ich mich recht erfolgreich um Abwehrmaßnahmen bemüht, und konnte zuweilen einen ganzen Tag reiten, ohne mich um Schnatts oder Frau Meiers kümmern zu müssen. Doch es gab einen herben Rückschlag, als ich eines Nachmittags früh schlafen ging. Plötzlich hörte ich die unnachahmliche Stimme von M I aus dem Off und wähnte mich dort, wo Sünder ihre gerechte Strafe empfangen. Ein Albtraum! Wäre es doch einer, hätte ich mich glücklicher gefühlt. Es war bittere Realität, M I und M II hatten mit noch jemandem neben meinem Zelt Stellung bezogen und diskutierten über Backrezepte von Oma und so. (Dass die Aufnahme an Rosemaries Baby erinnert, ist kein Zufall.)
Dass auf dieser Seite M II zu kurz kommt, hängt zum einen damit zusammen, dass sie unwahrscheinlich tapfer Unmögliches überstanden hat: Einen Linearritt über 12 Tage oberhalb der Baumgrenze ohne Reitkenntnisse durchstehen. Zum anderen ist es mir bei allem Humor nicht möglich, Lustiges darüber zu schreiben, wie man eine ganze Reisegruppe gefährdet, indem man einen schweren Ritt bar jeder Kenntnis und mit unzureichendem Equipment antritt. Die gerechte Strafe, die wir hätten ihr verabreichen müssen, den Allerwertesten zu versohlen, hat ihr Pferd besorgt.
Ich glaube, künftig werde ich die Flucht vor Frau Meiers einstellen und Reisen buchen, bei denen man deren Auftreten, sogar in Rudeln, erwarten kann. Dann kann ich mich darüber freuen, wenn mal keine da sind. Sich mitten im Grauen zu behaupten ist doch besser als eine Flucht ohne Ende vor´m Grauen. Oder?
Yarramalong ist das Land der wilden Pferde