Abu Simbel

 

Eine halbe Flugstunde von Assuan entfernt, bereits in den Tropen, stand ein monumentaler Tempel, den ein Pharao zu seiner Ehre hat bauen lassen. Dort wurde er als Gott dargestellt. In Theben hätte man ihn nicht gelassen, dort wäre er nur Halbgott gewesen. Interessant ist auch der zweite Tempel nebenan, der seiner Frau gewidmet ist. Anders als alle Königinnen - kann man Frau Halbgöttin sagen? -, die beim Standbild der Pharaos bis zu seinen Unaussprechlichen reichen, also nicht mal die Größe eines Kindes erreichen, steht die Dame, Nefertari, in voller Größe da. In voller Schönheit ohnehin - Nefertari war die Schöne. Auf den Statuen an der Fassade trägt sie das Kuhgehörn der Göttin Hathor. Die große königliche Gemahlin Nefertari verkörpert also die Göttin der Liebe, Frau des Königs und Mutter der Königskinder. An der Fassade sieht man abwechselnd Nefertari und Ramses stehen. Neben Nefertari stehen kleine Prinzessinnen, neben Ramses kleine Statuen von Prinzen.

Das alles wäre etwa 1971 endgültig verschwunden, wenn nicht die ganze Welt geholfen hätte, einen ganzen Hügel zu zersägen und höher zu tragen. Denn der neue Assuan Damm sollte ihn überfluten. Nun sollten die Tempel nicht so einfach zersägt und hässlich wieder  aufeinander getürmt werden. Unser Führer erzählte stolz, man habe mit Handsägen gearbeitet, damit die Lücke unsichtbar bleibt. Tatsächlich ist es mir selbst mit einem Fernglas nicht gelungen, an den Tempeln die Sägespuren zu finden. Zu verdanken der Firma Hochtief, die hier hoch gestapelt hat, aber nicht hochgestapelt.

Hochgestapelt hat Gott - ich meine Ramses II. In dem Tempel wird er so dargestellt, als hätte er die Hethiter in Kadesch allein abgeschlachtet. Dabei war er froh, ganz zufällig ein Unentschieden erreicht zu haben. Er hatte nämlich große handwerkliche Fehler als Feldherr gemacht.

Was macht ein Feldherr, der seinen Ruhm nicht durch einen Sieg auf dem Schlachtfeld mehren konnte? Baut sich einen Tempel in der Öde und lässt seine Heldentaten für die Zukunft in Stein hauen. Dort haut er den bösen Feind in Stücke und an die Wand. Unser Führer meinte, dass wären die Türken gewesen. Ach, ja? Die wussten damals nicht einmal, wo die Türkei liegen sollte. Nicht einmal dass es überhaupt eine Türkei geben sollte, war beschlossene Sache. Wenn dem so wäre, hätten sich nämlich die Hethiter mit den Chinesen verbündet und die Grenzen dicht gemacht. Aber als die Türken der heutigen Türkei tatsächlich ankamen, gab es weder das Reich der Hethiter noch das Reich des Pharao. Griechen, Byzantiner, Araber und deren türkische Helfer, die Mamlucken, hatten sich die Gegend in ihre Gewalt gebracht. Und die Tempel am Nil waren meterdick mit Schlamm bedeckt worden.

Abu Simbel wurde dem Nil entrissen und hoch oben wieder aufgebaut, dass der Nil und sein Schlamm Ramses II gestohlen bleiben können. Den Anlagen macht aber trotzdem das Wasser zu schaffen, das die Touristen mit ihrem Atem und Schweiß hineinbringen. Aus diesem Grunde sind viele Gräber anderswo mittlerweile für Touristen geschlossen. Ich fände es nicht schlimm, wenn man auf dem Gelände die Tempel replizieren und dort die Bilder aus dem echten Tempel an die Wände projizieren würde.

Mir wurde am Eingang der Tempel mein Leatherman aus der Hand gerissen und unserem Führer zur Aufbewahrung gegeben. Zunächst habe ich den Grund nicht verstanden - was soll man an einem Hügel mit einem Taschenmesser ausrichten? Als ich drinnen war, habe ich verstanden. Es gibt genügend Esel, die ihren Namen an einmaligen historischen Schätzen an die Wand kratzen. Wie die das bei dem Gedränge zuwege bringen, hätte ich gern gewusst. Die Massen strömen derart in die Tempel, dass sich dagegen die Südkurve im Berliner Olympiastadion, wo sich die Fans zusammen drängeln, wie eine Oase ausnimmt. Allerdings benehmen sich die Leute doch sehr diszipliniert. Letzten Sommer in der Verbotenen Stadt in Peking war ich bei ähnlichem Andrang rüde weggeschubst worden. Hier nichts!

Vor Abu Simbel halten die Hotelschiffe, die auf dem Nassersee fahren dürfen. Damit bereist man Nubien, dessen Bevölkerung in der Antike den Pharaonen heftige Kopfschmerzen bereitete. Wie praktisch, dass man das feindliche Land so einfach überflutet und darauf spazieren fährt. Dass sich unsere Kanzlerin so etwas für Holland ausgedacht haben soll, ist hingegen ein böses Gerücht, verbreitet von Kabarettisten, denen sie keine offene Flanke mehr zeigt. Über Angie lachen, das war gestern. Guido ist besser!

Obwohl ich Karnak wie Abu Simbel bereits als Kind aus meinen Büchern zur Geschichte kannte und großartig fand, besser gesagt unübertrefflich, nimmt sich meine Bewunderung von damals im Vergleich zum echten Erlebnis klein aus. Auch der Nil, den ich schon einmal gesehen hatte und in dem Film „Tod auf dem Nil“ zehnmal oder mehr, hat mich wieder beeindruckt. Als ich neulich den Film wieder sah, habe ich ihn wohl zum ersten Mal ganz verstanden. Oder auch nicht? Mal die nächste Reise abwarten. Diesmal aber auf eigene Faust.

Ramses als Gott