Mittelmeer pur …

 

Gar nicht, wenn man im Hotel bleibt, zockt, trinkt und sich eine Wampe anfrisst. Geschieht leichter als gedacht. In meinem Fall wäre die Sache auch etwa so abgelaufen, weil meine Begleiterin, meine Mutter, das Wort Wandern oder ähnlich schon vor Jahrzehnten aus ihrem Vokabular gestrichen hatte. Keine Chance bei dem Sohn. Ich hatte wohlweislich einen Geländewagen gemietet, der sich als eine ausgesprochene Bergziege erwiesen hat. So durchkämmten wir die Täler und Gebirge, unterbrochen durch viele kleine Pausen nach Sonnenstand. Die Dame musste nämlich zu bestimmten Zeiten beten, was zwar im Autositz erlaubt ist, aber nur wenn der Wagen Richtung Mekka guckt. Gesagt, getan, wenn Mama Zeichen gab, suchte ich eine Stelle mit guter Aussicht aus, drehte den Wagen nach SSO und verließ ihn. Bei Gebetsende, kurzes Hupen, und ab zum nächsten Tal oder Strand.

So ein Auto frisst Unmengen Benzin, wenn man den größten Gang schaltet, und den brauchte ich meistens, weil ich fast jeden Weg von der Küstenstraße ins Pentadaktylos hoch gefahren bin. Die Wege waren unten gepflastert, oben „naturbelassen“. Kurz vor dem Grat musste ich umkehren, weil es trotz eines Steigvermögens von ca. 69% doch bisschen schwierig wurde. Eines Tages entdeckte ich, dass dies alles umsonst gewesen war, weil hinter dem Berggrat eine neu erbaute Straße verlief. Von dort aus hätte ich leicht abwärts fahren können. Na, ja!

Was einem ein Geländewagen trotz allem Diskomfort bietet, ist Einsamkeit. Selten im Leben war ich so allein mit meiner Mutter, die eine echte Großstädterin ist. Da haben sich die Strapazen gelohnt. Und sie hat kein einziges Wort verloren, auch wenn sie sich oft dem Himmel näher gefühlt hat als der Erde.

Nur einmal hat mich mein Jeep im Stich lassen wollen, als ich in einer Hügellandschaft einer Trasse folgte. Die war so zugewachsen, dass ich nicht sehen konnte, wie sie wirklich aussah. Das durfte ich erfahren, als der Wagen in einer Spitzkehre aufsetzte. Ich fuhr auf einer Panzerspur. Und diese netten Vehikel fahren Serpentinen nicht rund wie ein Auto, sondern durch flottes Gasgeben auf einer Seite. Die Seite gräbt sich ein, die andere zerpflügt den Boden tief, aber dem Panzer ist das egal. Guter Rat ist teuer, wenn man mit betender Mutter in der Panzerspur festsitzt. Zum Glück hatte ich in jungen Jahren viele Busreisen gemacht, die durch ziemlich „naturbelassene“ Strecken geführt hatten. Die Fahrer waren Meister in dem Fach, das „vorwärts Kameraden, ran an die Spaten“, hieß. Ich buddelte halt den Rücken, auf dem das Auto saß, langsam in die Spurrillen und baute mir so etwa 10 m Piste. Jetzt musste nur noch das Auto gehoben und darunter so weit Erde aufgefüllt werden, dass es „Fuß fassen“ konnte.

Ein Lebenskünstler

Auf Zypern durfte ich ein Lebewesen kennen lernen, vor dem ich sofort den Hut gezogen hätte, hätte ich einen gehabt. Es handelt sich um eine Art Konifere, und die Besonderheit seiner Leistung besteht darin, dass es sich seinen Lebensraum selbst geschaffen hat. Während sich Menschen wie sonstige Lebewesen alles nehmen, was sie zum Leben brauchen, hat dieser Baum aus dem Sand eine Düne geformt, indem er sich mit seinen Wurzeln den notwendigen Lebensraum zusammen gesammelt und gehalten hat. Der aufrechte Gang hätte ihm nicht gut getan, weil hier ständige Winde wehen. Er, ich meine als Samen, hätte sich von denen irgend wohin wehen lassen und sich dort nieder lassen können. Nein, es musste ein Sahneplatz mit Meerblick sein. Als ich in dem Wurzelwerk rumgebuddelt habe, um Baum und Sand zu etwas Abstand zu verhelfen, kam ich aus dem Wundern nicht raus.

Auch die Bäume unten, die einfach aus den Felsen heraus wachsen, sind Helden des Lebens. Ihre Samen legen sich in einen Felsspalt, manchmal müssen sie sogar den Fels gespalten haben, um sich Platz zu schaffen. Und dann plötzlich ist ein kleiner Baum da. Er strotzt ein halbes vom ganzen Jahr der Hitze, die auf Zypern nicht selten schlimmer wirkt als auch den Tropen. Dafür wachsen die Bäume wohl etwa vier mal so schnell wie in Norwegen oder in den Rockies.

Gemessen an vielen Inseln, die ich gesehen habe, ist Zypern Neuland. D.h., die Insel muss erst seit neuem da sein. Vor 70 Mio. Jahren war hier flacher Meeresboden und sonst nix. Als sich die Afrikanische Platte zu verschieben begann, entstand dann ein Berg, der aber zu schüchtern war, um sein Gesicht zu zeigen. Erst vor 20 Mio. Jahren tauchte der Berg hoch, der heute Troodos heißt, auf türkisch Trodos Dağları. Er musste sich lange gedulden, bis ein Nachbar seinen Kopf, eher seine Köpfe, aus dem Wasser streckte, Name: Pentadaktylos oder Beşparmak Dağları. Bedeutet: Fünffingergebirge auf Griechisch bzw. Türkisch. Die Berge blieben lange Zeit relativ unbewohnt, weil die Landtiere das Meer nicht so gut überbrücken konnten. Da die Wassertiere auch ungern an Land gehen, blieben die der Luft die überwiegenden Bewohner. Noch heute zeichnet sich Zypern durch einen Reichtum an Vogelarten aus.

Das änderte sich als ein geologisches Großereignis seinen Lauf nahm. Es passierte, was Hermann Sörgel, deutscher Architekt, in den 1920er Jahren als Traum ausgedacht hatte: Gibraltar mit einem 400 m hohen Damm verschließen und das Mittelmeer wegdampfen lassen. Afrika und Europa würden zu einem Kontinent zusammen wachsen, der Atlantropa. Wer sich da an eine Schnapsidee erinnert fühlt, irrt sich mächtig. Zwei der größten deutschen Architekten, Peter Behrens und Erich Mendelsohn, fanden die Idee prima. Venedig würde allerdings so etwa 500 km vom Meer entfernt liegen und daher uns mit ihren Unterganggeschichten endlich in Ruhe lassen. Leider, leider war die Idee nicht so originell. Den der größte Architekt aller Zeiten hat Gibraltar vor 6,5 Mio Jahren schon mal geschlossen, wodurch sich das Mittelmeer weitgehend in Luft aufgelöst hat. So konnten Tiere wie Nilpferd und Elefant Zypern trockenen Fußes erreichen. Was mit ihnen später geschah, hört sich unheimlich interessant an.

Als sich der Atlantik nach weiteren 1 Mio Jahren doch das Mittelmeer aufgefüllt hatte, guckten die beiden Gebirge wieder aus dem Wasser. Was machen aber Elefanten und Nilpferde? In der Wirtschaft nennt man den Vorgang „gesundschrumpfen“. Die Tiere entwickeln „Zwerg“-Formen, Zwergelefant, Zwergmammuth etc. Tatsächlich waren die Elefanten von Zypern etwa 200 kg schwer. Ausgewachsen. Die gab es übrigens auch auf Kreta, Sizilien, Sardinien und Malta. Der letzte von ihnen starb im Jahr 2.400 v. Chr. auf Tilos.

Wer nicht so frech war, um 200 kg zu wiegen, so z.B. der Zwergfuchs, lebt, glaube ich, heute noch. Besser sichtbar als der ist ein Gast, den man hier nicht vermutet, der Flamingo. Und er kommt aus einem Land, wo man ihn noch weniger vermutet, aus der Türkei. Seine Verwandten leben noch in Griechenland, Frankreich und Spanien. Trotz eines riesigen Vogelreichtums machen die Störche einen Bogen um Zypern. Die Herrschaften sind nämlich Segelflieger und nutzen die Thermik auf dem langen Weg nach Afrika oder zurück. Deswegen nehmen sie stets den kürzesten Weg über das Meer, Bosporus oder Gibraltar. Und bevor sie da antreten, schrauben sie sich über Land oder kleinen Inseln in die Höhe. Wer das erleben will, möge sich im Herbst nach Istanbul begeben. Wenn er Glück hat, sieht er riesige Storchschwärme, die in großen Kreisen in die Höhe segeln.

Zu den ausgesprochen interessanten Mitgliedern der Fauna gehört die Meerersschildkröte. Die „Grüne Meeresschildkröte“ nistet nur hier und an der türkischen Südküste, außer sie ist in tropischen Gefilden. Auch die Caretta caretta brütet auf Zypern. Ihre Brutgebiete werden zur Zeit der Eiablage für Touris gesperrt. Die sehen ohnehin nicht immer sehr einladend aus. Insbesondere die lange Nase von Zypern im Osten (Karpaz) genießt hohes Ansehen bei den Tieren.

Wie entdeckt man Fauna und Flora?

Unsere Tage auf Zypern verliefen harmonisch und glücklich. Ich sah und erlebte von Aphrodite bis Othello viele Berühmtheiten, d.h., was sie an Spuren hinterlassen haben. Doch die Reise wird für mich ewig mit einem der traurigsten Erlebnisse meines Lebens verbunden bleiben. Es betraf nicht uns, sondern Menschen in vielen Gebieten, in denen ich getaucht war. Eines Morgens sagte meine Mutter, sie hätte im Fernsehen gehört, es hätte ein Erdbeben gegeben und etwa 1.000 Menschen wären gestorben. Was denn Stärke 9 auf der Richterskala bedeuten würde. Ich grummelte, dass die Zahl 1.000 dann ein Geschenk des Himmels wäre, wenn sie denn stimmte. Leider hatte ich recht. Die Apocalypse verschlang mehr als 300.000 Menschen, darunter einige, die wir lange kannten.