Unser erstes Frühstück auf der Safari wollte mir nicht munden, nicht dass ich allzu wählerisch wäre, Dosensardinen auf dem Roten Meer essen, war mir doch zu schlimm. Als ich mich beschwerte, sagte Rudi: „Wenn Du Frischfisch essen willst, musst Du selber welche fangen“! Das war mir neu, denn üblicherweise mögen Taucher Angler überhaupt nicht und machen sich keine Gedanken darüber, wie der Fisch beim Abendessen auf den Grill kommt. Angler sind Parias - auf Tauchschiffen und bei Seglern. Auf diesem offenbar nicht. So nahm ich mir eine Angelleine, ein Stückchen Fleisch und meine Maske. Schöne Juwelenbarsche guckten aus ihren Löchern und grüßten „Guten Morgen“. Den Köder senkte ich vor die Nase von einem, der etwa 3.000 g zu wiegen schien. Und der Dummkopf machte, was Barsche am liebsten tun: Schnapp!

Als ich mit dem Barsch im Arm am Schiff erschien, brüllte der Sohn der Franzosen Mörder. Mörder oder nicht, Frischfisch fangen ist keine Aufgabe für sanfte Gemüter. Etwas gegrillt, etwas Sashimi, das wäre meine Erläuterung für Mutter Barsch, wenn ich ihr vom Ableben ihres Sohnes hätte berichten müssen.

Vor Ras Mohamed waren wieder Taucherkünste gefragt. Das Meer sah nicht nur wie Erbsensuppe aus, es war wohl eine. Man konnte keine zwei Meter weit sehen. Oder doch? Die Ansicht von Haien in der Erbsensuppe werde ich nie vergessen. Was die von uns hielten, haben die Herrschaften nie verraten.

Meine einzige unliebsame Begegnung mit Haien erlebte ich auf dieser Safari. Eines Abends dümpelten wir über einem Riff und planten, nach dem Abendessen zu Dritt zu tauchen. Rudi sagte wie häufig: „Macht dat nich!“ Für unsere Ohren klang die Warnung nicht allzu dringend, so dass wir doch tauchten. Probleme schien es nicht zu geben, bis aus dem Dunkel ein Hai auf uns zu schwamm. Einer von uns paddelte weit vor den anderen beiden, als das Tier uns entdeckte. Er wollte schnell seine Kamera schussbereit machen und schlug deswegen heftig mit den Flossen hin und her. Das reizte den Hai, der geradeaus auf ihn zu schwamm und ihn kurz umrundete. Danach verschwand er im Dunkeln. Mein Partner und ich hatten uns schon längst zwischen den Felsen versteckt, als der Kerl diesmal wie ein D-Zug auf den Dritten düste und versuchte, ihm wenigstens eine Flosse abzubeißen. Der Taucher trat ihm kräftig auf den Kopf, und der Hai verschwand wieder.

Nach einer Viertelstunde im Schutz der Felsen trauten wir uns endlich hoch. Rudi hörte sich die Story an und fragte, wie groß denn der Kerl gewesen wäre. Wir sagten, so etwa 1,5 bis 2 Meter. Da sprach Rudi ganz ruhig: „Schwein gehabt. Der andere hätte sich durch einen Tritt nicht verscheuchen lassen. Er ist etwa vier Meter lang.! Ich habe Euch doch gewarnt.“ Wirklich?

Die Inseln waren alle vermint! Niemand wusste aber, welche Teile von welchen Inseln mit israelischen Minen belegt waren. Diese scheußlichsten Waffen der Militärgeschichte zeichnen sich durch ihre Hinterhältigkeit aus. Derjenige, der sie verlegt hat, verschwindet leise, egal ob als Sieger oder als Verlierer, und hinterlässt die explosive Fracht der Nachwelt. Während man auf den Inseln des Roten Meeres noch gut seinen Weg finden konnte, in Felsen hat noch nie jemand Minen versteckt, müssen alle Ostseefahrer über 60 Jahre nach dem großen Krieg bestimmte Routen einhalten. Der Rest ist tabu, weil einst vermint und nie geräumt.

Das tägliche Leben auf Trauminseln wie diese gestaltet sich recht überschaubar: Tauchen, was das Zeug hält. Sobald man den Kopf unter die Oberfläche des Meeres steckt, fühlt man sich in einem Märchenland. Traum und Alptraum nur wenige Minuten voneinander getrennt! Zu meinem großen Glück fuhren auf dem kleinen Schiff nur seefeste Leute, so dass wir auch nach einer Woche Schaukelei noch fröhlich essen und uns ein Bierchen munden lassen konnten. Neben einem Deutschen, den es auf das Schiff verschlagen hatte, fuhr eine französische Familie mit, Vater, Mutter, Sohn, die allesamt begeisterte Taucher waren. Deren Anwesenheit trug auch der Vielfältigkeit des Gesangs am Abend um das Lagerfeuer bei. Sonst hätten wir wahrscheinlich nur deutsche Shanties gesungen, etwa wie man vor Madagaskar liegt und die Pest an Bord hat, aber kein Bier, weil Hawaii zuerst bedient werden muss.

Beim Lagerfeuer hat uns die große Verschmutzung der Meere tolle Dienste geleistet, weil wir erstens viele Holzpaletten gefunden haben, die lange über das Meer getrieben waren und sich mit Teer vollgesogen hatten. An manchen Nächten übertrafen wir sogar die Osterfeuer in Ostfriesland und hofften auf die Beute, die sich die Ostfriesen einst mit Feuer an der Küste einfingen. Leider fiel kein Schiff auf unsere Zeichen herein. Das GPS-Zeitalter hatte zwar noch nicht begonnen, aber schon lange entsprach der Name des Leuchtfeuers nicht seiner Natur.

Bei Erzählungen an einem dieser Lagerfeuer habe ich erfahren, dass sich hier in der Nähe ein Drama abgespielt hatte. Als die meisten Taucher noch im Wasser waren, hatte Rudi seinen Liebling, einen großen Barsch füttern wollen. Da dieser nicht zu sehen war, sollte ein kleinerer Freund den Bissen bekommen. Er schwamm aber hinter Rudi und freute sich so, dass er gleich den halben Arm im Maul hatte. Als der schwer verletzte Rudi aufgetaucht war, wurden die bereits zurück gekommenen Taucher mit Lebensmitteln versorgt und mit einer Nachricht für die anderen auf dem nackten Felsen gelassen.

Heia Safari, wir sind nicht die Jäger

Als die Tage in Hurghada länger und länger wurden, weil hier nix zu sehen und noch weniger zu erleben war, erwachte der Geist der Seefahrer in uns, der zum Safari aufrief. Safari kommt von „safar“, und das bedeutet Reise. Davon gibt es zwei Versionen, eine mit festem Ziel und eine ins Ungewisse. Was allerdings nicht bedeutet, dass Reisen mit festem Ziel keine Reisen ins Ungewisse sind. Man denke nur an Columbus. Als er losfuhr, wusste er nicht, wo er ankommen würde. Als er ankam, wusste er nicht, wo er gelandet war. Und die Schiffe waren gepumpt. In etwa dieser Gewissheit stachen wir in See. Die Schiffe waren zwar nicht geliehen, aber darauf wetten, dass sie den ersten Preis im Wettlauf um den besten Vorläufer des Traumschiffs erhalten, wäre mehr als verwegen. Aida für Arme.

Das größere Schiff hatte wohl viele gute Tage erlebt, allerdings vor langer Zeit. Wenn man hundsgemein wäre, würde man behaupten, bei dessen Stapellauf hätte man anstelle von Champagner die erste Flasche von Sakkara-Bier verwendet. Gebraut etwa während der Herrschaft von Pharao Echnaton. Wir fanden aber nichts dabei, weil niemand auf die Idee gekommen wäre, tatsächlich auf einem Traumschiff zur Safari zu blasen. Ein Problem war allerdings das Wasser. Pro Nase betrug die tägliche Ration ein Liter. Pro Tag! Davon musste man sich auch das Gebiss reinigen. Auf den heutigen Kreuzfahrtschiffen wird man sogar überredet, mindestens vier Liter zu trinken, damit man nicht wegen Dehydrierung kollabiert. Die haben´s ja leicht, weil heute jedes Schiff eine Entsalzungsanlage an Bord führt.

Der Bauch des Schiffes enthielt eine große Ladung Stroh, in der Rudi große Eisstangen versteckt hatte. Diese Kühlanlage hielt bis zum Ende der Safari durch. Unser Wasser mussten wir in kleinen Kühlboxen unterbringen. Als sich die meisten die Anweisungen von Rudi zu Ende gehört hatten, waren die Hälfte der Kühlboxen mit Bier und Wasser mit der Aufschrift „Dr. ??“ belegt. Während wir den Täter suchten, verschwand auch die Hälfte der Matten, die zum Schlafen gedacht waren. Django hatte für sich und Frau gesorgt. Damit waren die Liebesverhältnisse auf dem Schiff geklärt. Um nicht noch mehr solche Geschichten zu erleben, habe ich mich freiwillig in die Gruppe gemeldet, die auf dem wackeligen kleinen Kahn fahren sollte. Da man darauf nicht schlafen konnte, musste man jede Nacht eine Insel suchen.

Eine Insel zu finden, stellte sich als eine leichte Übung heraus. Aus dem Wasser streckten viele kahle Felsen ihre Köpfe gen Himmel. Leider, leider hatte die Sache einen Haken, einen ganz heißen!

Erst zwei Tage später wurden die erlöst. Böse Zungen behaupten indes, bei anderen Anlässen wären schon manche auch einfach vergessen worden. Auf den Malediven geht so etwas gut aus, weil die nächste Insel nicht allzu weit liegt und irgendwo bisschen Wasser aufzutreiben geht. Auf dem Roten Meer allerdings kann man sich nicht auf eine rosige Zukunft verlassen. Einzige sichere Abhilfe, die mir einfällt: sich mit Anfängern anfreunden. Auf die wirft der Tauchguide immer ein Auge und sie stehen als erste auf dem Boot.

Wenn man auf einer Wüsteninsel übernachtet, weckt einen die Sonne bereits auf, lange bevor sie am Horizont erscheint. Da sind die Fischschwärme schon Stunden unterwegs und gehen ihrer Lieblingsbeschäftigung nach: Fressen. Gefressen werden gehört auch dazu, ist aber weit weniger beliebt. Im seichten Wasser kann man beobachten, wie sich z.B. ein Rotfeuerfisch das Frühstück verdient. Wenn man Schwein hat, streifen sogar Delfine die Bucht. Bei ganz großem Glück düst mal ein Manta vorbei oder ein Rochen liegt im Sand. All diese Dinge kann man unbewegt auf dem Wasser liegend beobachten. Zeit spielt keine Rolle, das Rote Meer ist im August etwa 29 ºC warm. Bis das Frühstück fertig war, hatte ich häufig mehr gesehen als in späteren Jahren in einem ganzen Urlaub zusammen.