Die ewigste Stadt

 

Superlativen ohne Ende …


Kann eine Stadt in ein paar Jahren um 5000 Jahre altern? Andere nicht, aber Istanbul. Noch vor wenigen Jahren bereitete man sich auf die 3000 Jahrfeier vor. Wann die um wären? Weiß man nicht so genau. Aber 3000 Jahre sollten es sein. Doch eines Tages fing man an, einen Tunnel zu bohren, der zwei Kontinente verbinden sollte. Marmaray heißt das Projekt. Eines der größten auf der Welt. Dessen Vollendung hat sich etwas verzögert, so um die 5 Jahre, weil man beim Buddeln entdeckt hat, dass die Stadt eher 8000 Jahre alt ist. Wenn der Tunnel schon so lange gewartet hat, machen 5 Jahre nichts aus. Die Archäologen haben das Projekt umgehend gestoppt, den Bauch der Stadt in eine riesige Ausgrabungsstätte verwandelt, und Unglaubliches zu Tage gefördert.

Langsam zum Mitschreiben: Eine der größten Megacities der Welt; die einzige Stadt auf zwei Kontinenten; Geburtsort der meisten christlichen Kirchen der Welt; mit etwa 1600 Jahren die ewigste Hauptstadt der Weltgeschichte; die einzige Stadt, durch die ein Meer führt; Ende des Orient Express, Anfang der Bagdadbahn; Schauplatz von 4 der 7 allgemein anerkannten ökumenischen Konzilien des Christentums; mit 4 Kirchenoberhäuptern von vier Kirchen gleichzeitig die einzige, „Papsthauptstadt“; der Ort der einzigen eisernen Kirche der Welt, die auch die weiteste Reise hinter sich hat - etwa 2000 km von Wien ans Goldene Horn -; eine der ältesten Kirchen der Welt, die für 1000 Jahre die größte gewesen ist; die größte (älteste?) erhaltene Stadtmauer; der einzige Stadtmarathon, der auf zwei Kontinenten stattfindet; der älteste Großflughafen (ältester der Flughäfen, die mehr als 25 Mio. Fluggäste abgefertigt haben), und die einzige Hauptstadt, die seit 1453 keinen Krieg erleben musste. Wie die jüngsten Forschungen zeigen, hat hier eine der folgenreichsten Ereignisse der Menschheitsgeschichte stattgefunden: Die Sintflut.

Istanbul war zuerst von 326 a.D. bis 1453 a.D. Hauptstadt des Oströmischen Reiches und besaß viele Namen, so auch η Πόλη, i Póli (Die Stadt), bei den Griechen, Nova Roma bei den Lateinern, Miklagarð bei den Skandinaviern, und schlicht Kaiserstadt Car'grad bei den Russen. Wenn die Welt nur ein Land wäre, wäre Istanbul deren Hauptstadt - so laut Napoleon Bonaparte. Er muss es wissen.

Den Ort hatte einer der ganz großen der Weltgeschichte, der römische Kaiser Konstantin der Große, für eine besondere Aufgabe auserkoren: Die Hauptstadt von Rom mit der Staatsreligion Christentum. Von Rom leitet sich der türkische Name für Grieche ab: rum. Und die Stadt hieß fortan Konstantinopel, „Stadt des Konstantin“ , Konstandinoúpoli  hieß die Stadt auch noch, weil die Griechen es so wollten. Ich glaube, die wollen es immer noch so. Bei den Sephardim, die der Sultan vor der Inquisition gerettet hat, hieß die Stadt אירופה. (Ohne Gewähr, ich kann es nicht lesen).

Bei den Türken hieß die Stadt bei ihrer Inthronisierung als Konstantinopel nix, weil die Türken ganz wo anders waren. Als sie dann 1453 die Stadt eroberten, gaben sie der Stadt viele Namen, so auch درسعادت Der-i saadet „Das Tor zum Glück“, إسطنبول Istanbul, قسطنطينيه Kostantiniyye; Stambul.

Istanbul war von 326 bis 1923, also schlappe 1600 Jahre, Hauptstadt gewesen. Allerdings nicht als Stadt auf zwei Kontinenten. Heute nicht mehr, eine Brücke, die eigentlich bereits Xerxes hatte bauen wollen, weil er die Niederlage seines Vaters Dareios bei der Schlacht von Marathon rächen wollte,  verbindet Istanbul mit Asien. Der Ort, an dem Poseidon mit 300 Peitschenhieben bestraft wurde, weil er die Brücke zerstört hat, befindet sich vermutlich etwa 12 km nördlich des alten Zentrums.

Zwischen diesem Ort und dem alten Stadtkern befindet sich Beylerbeyi, am asiatischen Ende der Bosporusbrücke. Hier stand einst ein großes Kreuz, das allen Einwohnern und Zugereisten verkünden sollte, dass dieses Land nunmehr christlich geworden war - wie der Kaiser Konstantin auch. Das Kreuz steht naturgemäß nicht mehr, aber sein Name existiert noch: Hier steht wohl die einzige Kreuzmoschee der Welt. Der Kaiser hatte neben seiner Insignien der Macht auch Rom mitgebracht, aber nunmehr christlich. (mehr dazu hier)

Lang, lang ist es her. Die Stadt hat fast alle ihre griechischen Bürger verloren, aber andere Orthodoxe sind hingezogen. So um 100.000 Russen sollen es sein. Offiziell leben etwa 50.000 Armenier, 10.000 Bosporus-Deutsche, und Gott-weiß-wieviele verkappte Christen dort. Verkappt deswegen, weil viele Konvertiten sich wg. der Steuer zum Islam bekannt hatten. Muslime zahlten weniger Steuern an den Sultan. Welcher Religion die 100.000 Chinesen von Istanbul angehören, steht nirgendwo. Ein hoher Beamter vom Kulturministerium in Paris hat mir verraten, dass das Ministerium Istanbul für die kosmopolitischste Stadt der Welt hält. Leider nicht, welches Istanbul. Das von 1950 oder von 2012? Die Auszeichnung kommt immerhin aus Paris!

Besungen wurde die Stadt von vielen. So ab 1950 auch von Caterina Valente mit dem Lied „Istanbul not Constantinople“ von etwa 25 Interpreten. Die letzte Version stammt von 2012.