Eine kühle Nacht und danach
Das Buschland liegt kurz westlich der Scenic Rim. Wenn man exakt auf dem Grat reitet, kann man in der Ferne im Osten die Goldküste Australiens sehen, besser gesagt, erahnen. Die Goald Coast ist Tropenland, während das Gebiet zum Westen der Berge eher Trockenland genannt werden müsste. Die Wetterverhältnisse sind dementsprechend. Im australischen Sommer brennt hier die Sonne unbarmherzig runter. In unserem Sommer hingegen schafft sie es noch bis 25º. Tagsüber. Die Nächte können von angenehm warm bis bitterkalt sein. Sie sehen trotzdem wie die Sommernächte meiner Kindheit aus, weil z.B. die Glühwürmchen dort im Winter fliegen. Auch die Mistkäfer haben ihr jet lag nicht überwunden - in der Zeit, wo sie den Rindermist in niedliche Kullerchen drehen sollen, damit sich die Fliegen nicht wie irre vermehren, halten sie Winterschlaf. Mistkäfer!
Die unbotmäßigen Fliegen laben sich im fremden Rinderdung und belästigen jeden. Darum laufen die Farmer angeblich in fantasievollen Hüten durch die Gegend, während sich die Touris komplett in Tüll hüllen. Sie tragen Hüte mit einem kompletten Tüllüberwurf, der mit einem Gummiring am Hals endet. Elegant wie die Damenhüte in Ascot sehen sie aber erst dann aus, wenn sich mehrere Fliegen darauf gesetzt haben. Australien ist überhaupt reich an Dingen, die keiner gebrauchen kann. Z.B. an Kaninchen, die eine Pest sind. Wegen seiner Ähnlichkeit mit denen bekommt der Osterhase nicht einmal ein Gastarbeitervisum. Oder an Kamelen, die man am Ende des Baus vom Ghan, des legendären Zugs nach Cairns, einfach in die Wüste entlassen hat, als man die Karawanen nicht mehr brauchte.
Im Winter sind die Fliegen nicht aktiv. Bei uns hätten sie ohnehin kaum Chancen, weil wir überall gleich ein großes Lagerfeuer angemacht haben. Dafür war bei uns Kampf gegen die Kälte angesagt. Diese kommt einfach so, weil die Luft kaum Feuchtigkeit enthält. Wenn sie überhaupt Wasser geladen hat, bleibt dieses östlich der Berge und Hügel und regnet im tropischen Teil Australiens ab.
Da hilft nur ein großes Lagerfeuer. Das besorgt manchmal die Natur selber. Allerdings empfiehlt es sich dann, möglichst schnell das Weite zu suchen. Wenn das Feuer denn beginnt, muss man sich nicht mehr bemühen, denn es breitet sich schneller aus als ein Auto in dieser Landschaft fahren kann. Dafür sorgen die Eukalyptus, hierzulande gum tree genannt, mit dem Öl, das sie in die Luft pusten - wie ein Vergaser es mit Benzin tut. Ein Funke - und pufffff! Lauf, Bruder, lauf!
Wir hatten es zum Glück eher kühl. Man konnte nicht einmal ruhig am Feuer sitzen - man musste sich ständig um seine eigene Achse drehen. Na, ja, wie beim Grill. Auf dem Lagerfeuer wurde nach und nach das ganze Menü abgearbeitet, bevor es an´s Essen ging.
Was den Orientalen das Wasser, ist den Aussies das Lagerfeuer. Man sitzt daran und erzählt, und erzählt, und … wenn sie noch nicht im Zelt sind, erzählen sie immer noch. Zum Beispiel die Geschichte mit dem Geist, der sich bei Jane, einer Mitreiterin, häuslich niedergelassen hatte. Niemand lachte darüber. Geister sind hier allgegenwärtig. Oder die Sache mit den gschamigen Städterinnen, die anstelle der Grube - na, Sie wissen schon, einen angemessenen Sitz mit Kabine haben wollten. Der Kunde, ich meine die Kundin, ist König. Sieht allerdings im Schattenkabinett nicht so königlich aus, ich meine königinnenhaft.
Die besagten Damen hatten in aller Gemütlichkeit im Dunny-Zelt (dunny kommt von do wie machen, und heisst so gut wie rein machen) Platz genommen. Um die Gemütlichkeit noch zu steigern, nahmen sie eine große Kerze mit rein. Schließlich müssen zivilisierte Menschen ja wissen, wo sie hin k… Draußen saß derweil die ganze Meute und lachte sich kaputt. Schattenspiele haben lange Tradition, diese waren aber neu.
An Dunnies habe ich viele Variationen erlebt. Die lustigste davon sah eigentlich ganz normal aus, stand allerdings ganz allein in der Landschaft. Als meine Tochter die Spülung zog, die hatte wirklich eine Wasserspülung, purzelten viele kleine Frösche mit dem Wasser runter. Sie hatten sich den Spülkasten zum Biotop auserwählt.
Immer wenn man sich über die Fliegen ärgert, muss man den Kopf schütteln. Die Biester tun dann ihrem Namen alle Ehre - sie fliegen. Weg! Dieses Exemplar stammt natürlich aus einem Touri-Shop.
Eine ziemlich kühle Nacht
Sobald ich meine klamme Bettstelle verlassen hatte, schmiss ich das Feuer wieder an. Die Asche war noch warm, etwas Glut guckte unter der Asche hervor, so dass es nicht lange dauerte, bis die Flammen ihr wärmendes Tagwerk begannen. Dann kam die wahre Kunst des Outback-Menschen - Englisches Frühstück ohne englische Küche. Porridge z.B. wird in einem Kessel gerührt. Da die Kochstelle keine optimale Höhe aufweist, muss die Kelle künstlich verlängert werden. Während frau die Kelle schwingt, wärmt man sich auf.
Helen hat uns gezeigt, wie man die Physik überlisten kann. Bekanntlich nimmt sich beim Spiegelei das erste Ei den größten Platz in der Pfanne, das zweite muss sich etwas bescheiden. Wenn man zehn Eier in eine relativ kleine Pfanne hauen möchte, bleibt dem zehnten nur noch ein winziges Eckchen. Nicht so bei Helen. Sie kann sogar 20 Eier in einer Pfanne unterbringen - mit gleichem Platzanspruch. Warum bin ich nie früher auf die Idee gekommen? Man haut die Eier nicht einzeln in die Pfanne, sondern erst in eine Karaffe. Dann platziert man die Schätzchen mit elegantem Schwung gleichmäßig im verfügbaren Platz. Demokratische Spiegeleier! Wenn man nicht die Absicht hat, Rühreier zu produzieren, muss man aber jedes Ei sachte in die Karaffe gleiten lassen. Vorher natürlich aufschlagen. :=)
Am Ende des Frühstücks, bevor es aufsitzen heißt, muss man zum Spaten greifen. Es gibt auch hier Leute, die Dunny ohne Hütte benutzen. Sie müssen nur weit genug gehen, damit die anderen nur den Duft von Eiern in der Pfanne wahrnehmen.
Die Pferde können es kaum erwarten, wieder ins Gelände zu gehen. Ihnen ist nämlich das Leben im Gefängnis, auf wenn es ein Gatter ist und nicht aus Gittern besteht, fremd. In Yarramalong leben sie fast wie Wildpferde. Allerdings benehmen sie sich nicht dem Namen entsprechend, während unsere zivilisierten Stadtpferde genau das Gegenteil veranstalten, sobald es ins Gelände geht. In den vielen tausend Kilometern, die ich in der Wildnis geritten bin, bin ich niemals außerplanmäßig vom Pferd gestiegen. In der Reithalle passierte mir dies mehrmals. Und das Reiten im Wald mit Pferden aus der Großstadt habe ich längst aufgegeben.
Frühstück und Lagerfeuer … …
Als frogmouth seine unheimliche Stimme am Baum erhob, war es nicht mehr so lustig. Ich erinnerte mich an Agatha Christie, andere an Geister, die Kinder an irgend etwas Unheimliches. Was so ein kleiner Vogel alles anrichten kann…
Irgend wann war das Bier ganz alle und wir gingen langsam ins Bett. Die Damen genossen den Luxus von Zelten, die allseits geschlossen waren, während John und ich in offenen Zelten schliefen. So was hatte ich als Kind bei den Zigeunern gesehen, die bei uns Messer schleifen kamen. Allerdings schlafen die das ganze Jahr in solchen Zelten. Warum muss ich denn unter so ein Ding? Vielleicht, weil man nirgendwo auf der Welt so viele Sterne so hell sieht wie hier! In der trockenen Luft, fern von jeder Lichtverschmutzung, sehen sie einfach märchenhaft aus.
Über meinem Kopf hingen tausend und abertausend Sterne, alle viel heller und größer bei uns. Die Milchstraße war kein Gebilde aus dem Schulbuch und das Kreuz des Südens habe ich aufsteigen und wieder sinken sehen. Seit dieser Zeit schlafe ich mindestens zwei Wochen im Jahr im Freien. Möglichst weit weg von Städten und Menschenansammlungen. Auf dem Wasser kann man man sogar Sternenschein im Ozean bewundern. In unseren Breitengraden sieht man vor Lichtsmog nicht einmal den Mond so klar im Wasser gespiegelt.
Wenn man in der Kälte einschlafen möchte, muss man alle Teile seines Körpers, die weit ab von der Pumpe sind, gut zudecken. Am wichtigsten sind da die Füße. Mit dem Kopf braucht man keine Sorge zu haben. Solange man denkt oder träumt, produziert er genügend Wärme. Wenn sich die Nacht ihrem Ende zuneigt, schlägt ihre kälteste Stunde zu. Halb im Schlaf klumpt der Mensch immer stärker zusammen. Am Ende ist er dem Embryo im Mutterleib so unähnlich nicht. Mit den ersten Sonnenstrahlen strömt aber wieder Wärme in ihn zurück. Wer jetzt noch schläft, verpasst das Schönste in der Natur - die Wiedergeburt des Tages. Der hat man etwas weiter nördlich auf Fiji sogar eine Straße gewidmet. Sie verläuft exakt auf dem 180. Meridian und wird "Die Straße, auf der der neue Tag geboren wird" genannt - in der Landessprache, natürlich. Dort wie hier kann man die Geburt sowieso nicht überhören - von wegen dem Konzert der Vögel. Am lautesten singt der Kookaburra, eine Art Nationalvogel in Down Under. Er gehört zwar der Familie der Eisvögel an, die hier kingfisher heißen. Beim Fischen habe ich ihn aber nie beobachtet. Er schreit eher beim Anblick der Elstern, oder einfach auch so. Schön kann man seine Stimme nicht nennen. Vor allem dann nicht, wenn sein Gelächter morgens ertönt, weswegen er auch „Buschmanns-Uhr“ genannt wird. Sein deutscher Name lautet „Lachender Hans“ - warum wohl? -, und wer es vornehmer haben will, nennt ihn Jägerliest. Für die mit humanistischer Bildung oder biologischer Ausbildung heißt er Dacelo novaeguineae.
Obwohl es in Australien keine große Fleischfresser gibt, die einem beim Geschäft (!) gefährlich werden könnten, gehört das Dunny in die Landschaft. Sich so einfach nieder knien wie die Naturvölker, ist nich! Uns hat einmal ein Autovermieter sogar ein portables Dunny mitgegeben. Das unbeschreibliche Ding bestand aus einem Klappgestell wie bei jedem Schemel plus einem Sitz mit einem Loch und natürlich einer Klobrille! Damit das Ergebnis des Geschäfts nicht in der Landschaft liegen bleibt, hängt man eine Tüte darunter. Die Kinder schüttelten sich beim Anblick des Objekts vor Lachen. Es fehlte nur noch das Plastikzelt, mit dessen Hilfe man den Geschäftsvorgang vor Neugierigen schützt!
Yarramalong ist das Land der wilden Pferde