Stille Tage in Yarramalong
Das Gelände in Yarramalong wechselt zwischen "Berg" (eigentlich hohe Hügel) und Tal. Im Tal, das heißt, im Bachlauf des Creeks, ragen die Bäume hoch gen Himmel. An denen ziehen sich viele subtropische Pflanzen in die Höhe, so dass ein Erscheinungsbild zwischen Paradies und Busch entsteht. Keine Sorge - niemand muss plötzlich ein Chat mit Eva führen, bis Adam kommt. Eher Busch! Man muss aber auch nicht mit der Machete reinhauen. Gott verhüt´s! Es ist zivilisiertes Land, auf dem es auch Champagner-Ritte gibt - zu Weihnachten -, andere Länder, andere Ritte. Nur die Schlangen hielten sich nicht daran, an die Zivilisation, erzählte John. Sie würden sich an den Hosen festbeißen. Man solle sich keine Gedanken machen, nur weiter reiten und die Viecher abschütteln. Die Schlangen haben wir zum Glück nie gesehen, dafür sind wir einem Geschöpf begegnet, das hier nichts verloren hat. Eine Kröte, die man nach Down Under gebracht hat, damit sie was Nützliches leistet, dachte nicht daran, sich an seine Aufgabe zu halten. Derzeit repräsentiert sie eine der übelsten Landplagen und plagt das Gewissen der Aussies. Die können allerdings lässig damit umgehen. Die Kaninchenplage ist hier ebenso präsent wie ihre üblere Version namens Dingo.
Nach meiner Meinung lebte dieser ganz wo anders, bis meine Tochter berichtete, nachts würden zwei Augen im Dunkeln leuchten. Natürlich haben wir darüber gelacht. Sie fühlte sich beleidigt und verteidigte ihre Story ohne Erfolg. Bis ich John fragte, wo die Dingos denn lebten. Na hier, lautete die Antwort. Bereits am nächsten Tag lief uns einer über den Weg. Wir gaben den Pferden die Sporen und folgten ihm über Stock und Stein. Damit kann man einem Dingo nicht imponieren, er kennt Menschen nämlich schon sehr, sehr lange.
Wir treten z.B. dadurch mit der Natur in Konkurrenz, indem die Vögel hier die Pfeifgeräusche von Menschen nachahmen. Die melodische Verirrung fällt allerdings erträglich aus. Nicht so die Kröte. Die frisst auch mal giftige Wesen, wodurch manche Schlangen, die die Kröte verschlucken, zu Giftschlangen werden, obwohl sie keine sind.
Die Kröte, die Zuckerrohrkröte, aus der Familie der Agakröten (Bufo marinus) hat sich durch zwei Giftdrüsen am Hinterkopf ungenießbar gemacht. Das wissen die Vögel, Schlangen, Salzwasserkrokodile, Eidechsen und Dingos in Australien aber nicht. Gierig schnappen sie nach dem Hopser und verenden nach wenigen Minuten an dessen gemeinem Gift. Falls sie nicht schon vor dem ersten Biss einer Giftattacke zum Opfer gefallen sind. Zur Abwehr von Feinden nämlich kann die Agakröte ihr starkes Gift zwei Meter weit spritzen. Ob als Ei, Kaulquappe, Babykröte oder als 25 Zentimeter große erwachsene Kröte - die Cane Toad, so der englische Name, ist immer giftig. Sie hat schon viele Schlangen an den Rand des Exitus gebracht. Netter Wettlauf - wer ist giftiger? Nur der Schlimmere gewinnt!
In den Northern Territories soll die Zuckerrohrkröte die Todesotter, die Gefleckte Python und 47 weitere Schlangenarten an den Rand des Aussterbens gebracht haben. Lecker schaut sie aber nicht aus! Dennoch soll es Leute geben, die die Kröte als Haustier halten. Wenn die Mär stimmt, dass Herrchen nach einiger Zeit wie Hundchen ausschaut, müssten etliche Leute die Agakröte ihr Eigen nennen. Ein Viech, das zwei Meter weit Gift spritzen kann, als Haustier! Wie wär´s mit einem Höllenhund??
Das Land ist eigentlich eine open air Ausstellung von importierten Öko-Katastrophen. In Yarramalong gibt es zum Thema neben der Kröte noch den Dingo, und natürlich uns, die Touris! Allerdings war der Dingo etwas früher da. Er kam wohl mit den Aborigine, die die Natur auch gewaltig verändert haben. Allerdings hat das bei denen 40.000 Jahre gedauert. Wir haben in etwa 200 Jahren mehr Schaden angerichtet.
Von Kröten und Menschen in Yarramalong
Dennoch war Yarramalong ein Ort des Friedens. Nicht nur der Koala auf den Bäumen, der uns manchmal die Ehre gab, schlummerte vor sich hin. Am Creek standen meine Kinder und versuchten, manche Regenwürmer in Schwimmen zu trainieren. Leider ließen sich die großen Fische nicht sehen. Dafür konnten wir die Platypus bewundern, wenn sie zum Luftholen nach oben kamen. Diese leben in einer Höhle, deren Eingang schwer zu entdecken ist, weil gut versteckt. Zudem bauen sie gleich mehrere davon, so dass man sie nicht auf dem Nachhauseweg verfolgen kann. Angeblich nachtaktiv laut Biobuch, jagten sie in Yarramalong den ganzen Tag.
Für das ultimative Erlebnis des Auftauchens eines Platypus platt vor meiner Nase hatte ich mir ein Batteriepack für die Videokamera gekauft, das mit sechs sicheren Batterien bestückt war. Dieses habe ich die ganze Zeit unbenutzt in einer Tasche getragen, damit die Sache auf jeden Fall klappt. Als die erhoffte Szene eintrat - Platypus taucht einen Meter von mir entfernt auf -, steckte ich schnell die Batterien ein - pffft. Sony meldet Fehler! Man merke: Das Wort Batterie ist mehrdeutig, auch wenn die Dinger eindeutig die gleiche Figur besitzen. Die aufladbaren Weisen eine andere Spannung auf als die nicht aufladbaren. Wenn das Gerät, in das man sie steckt, ein Sensibelchen ist, gibt es eben keine Bilder.
Helen und John wohnten etwa zwei km von uns entfernt in einem schönen Haus. Vor ihrer Haustür graste immer ein Wallaby, eine Art Känguruh. Rechts vom Haus waren Scheunen und Lagerräume für Futter, in denen sich naturgemäß die Palmhörnchen, vulgo Ratten, gemütlich gemacht hatten. Damit die sich kein allzu schönes Leben leisten konnten, hatte sich eine große Schlange zu den Bewohnern gesellt. Die drolligsten Wesen auf Yarramalong sollten wir allerdings einige Jahre später kennen lernen, als Ines eine Toilette besuchte, die John im Freien aufgestellt hatte, damit die Gäste nicht im Freien, na Sie wissen schon. Als sie an der Strippe zog, an der man zuletzt zieht, purzelten kleine Frösche ins Becken. Die Kleinen hatten sich den Behälter der Spülung als Biotop auserkoren.
Die Tage kamen und gingen. Wir wachten jeden Morgen kurz nach Sonnenaufgang auf. Dies fiel nicht schwer, weil wir die Nacht davor kurz nach Sonnenuntergang schon schlafen gingen. Zuerst ging ich zum Creek, um die Platypus beim Frühstücken zu beobachten. Später haute ich meistens Eier in die Pfanne. Tolle Eier übrigens. Den Kindern war sofort aufgefallen, dass Eier und Fleisch hier ganz anders und viel besser schmecken als bei uns. Als sie dann während der Safari die Lebensweise der Tiere erleben konnten, wussten sie warum. Die Tiere leben in der Natur, fressen viele schöne Kräuter, die man bei uns nur in teuren Verpackungen als Gewürz verkaufen würde. Bis zu jenem Tag, an dem etwas komisch angezogene Reiter, vulgo stockman, sie einfangen, leben sie unbekümmert im Freien wie einst ihre wilden Vorfahren. Die Reiter sind echte Cowboys und arbeiten fast wie die aus dem Film. Nur ihre Anreise fällt etwas anders aus. Zu sehr entfernten Einsatzorten werden sie per Hubschrauber geflogen, die Pferde werden vorher mit dem LKW dorthin geschickt.
Nach einem kräftigen Frühstück wurde das Lagerfeuer zugedeckt. Und wir machten wir uns auf zu den Pferden. Dazu mussten wir etwa zwei km Marsch hinter uns bringen. Anschließend wurde etwa zwei Stunden geritten - über Stock und Stein im wahrsten Sinne des Wortes.
Yarramalong besteht aus einigen Hügeln mit Bachläufen ohne Wasser, viel Buschland und dem Tal des Creek. Man reitet in sehr abwechlungsreicher Umgebung. Am meisten hat mir die Galoppade in einem steinigen Bachlauf angetan. Die unbeschlagenen Pferde waren wahre Meister des Galopps auf großen Kieselsteinen. Noch aufregender indes war "Heartbreak Ridge", wo einem das Herz zu stocken drohte. Es besteht aus etwa 10 m Hang, fast senkrecht abfallend. Wenn man dem Pferd traut, kann man runter reiten, wobei "reiten" so viel bedeutet wie, "lass die Pferde machen, die kennen sich hier aus". Am Heartbreak Ridge hoch durften wir viele Jahre später, weil dieser Weg viel gefährlicher war. Wer den Schwung des Pferdes nicht richtig einschätzt, rollt wieder runter. Leider gibt es kein Gesetz, das die Pferde dazu verpflichtet, immer schön unter dem Reiter zu bleiben.
Mittags trampelten wir wieder zu Fuß zum Camper. Ich kochte meistens Suppe und Nudeln, weil wir die gleiche Tour am Nachmittag wiederholen mussten. So kamen wir täglich auf etwa 30-50 km Ritt und garantierte 8 km Fußmarsch. Für den Abend wartete wieder das Lagerfeuer mit gegrillten Steaks, Pommes und Kartoffeln in Folie auf uns. Immer aufmerksam beobachtet von den Possums, die gegen Ende der Mahlzeit von den Bäumen stiegen, um die Reste zu verputzen. Die Kinder nannten sie Opi.
Das Zuckerrohr hat dem Land wohl eine größere Plage beschert, die gemeine Dornenkrone, die die Korallen des Great Barrier Reef auffrisst. Ihre explosionsartige Vermehrung dort soll durch die Düngemittel bedingt sein, die die Flüsse ins Meer spülen. Wie schützt man einen Nationalpark gegen Dünger?
Wirklich stille Tage in Yarramalong
Yarramalong ist das Land der wilden Pferde