Jim Jim Falls

 

Man stelle sich eine riesige Badewanne vor, das grün schimmert. Dahinter eine grandiose Kulisse von fast schwarzem Fels. Über 200 Meter senkrecht hoch steigend, nicht fast senkrecht. Davor sitzen meine drei Grazien und sinnieren, ob aus dem See nicht Nessie auftaucht, oder jemand aus deren Verwandtschaft. Vorher mussten sie kräftig klettern, weil der Weg aus Klamotten bestand, deren Größe zwischen Schubkarre und Wohnwagen variierte. Zu den Namenlosen kommen noch die Felsen hinzu, die Wohnhausgröße erreichen und daher einen eigenen Namen haben.

In der tropischen Hitze nimmt so ein Gekraxel einen ganz schön mit. Entschädigt wird man durch eine recht unberührte Landschaft, an die nur wenige Menschen jemals kommen. Die erste Hürde bildet die Piste, die zweite der Steinpfad, den nicht einmal jedes Auto mit Vierradantrieb schafft. Noch ein paar Flussüberquerungen, die man nur im Sommer wagen darf. Und am Ende noch der Weg aus großen Klamotten. So waren wir am Pool sehr, sehr einsam.

Was dies bedeutete, habe ich später erfahren, als ich in der Fortsetzung der Reise im Botanischen Garten Waimea Valley auf Oahu dasselbe tat wie hier. Ins Wasser hüpfen. Plötzlich brandete lauter Beifall auf. Erschreckt umgedreht sah ich, dass ich vor einer Tribüne mit Touristen aus aller Welt schwamm. Bei Jim Jim trifft man zwar auch Touris, aber sehr selten. Und wenn, sind es Gleichgesinnte. Leute, die schlappe 18.000 km fliegen, und ebenso lange, ich meine von der Zeit her, auf der Piste verbringen, um Felsen und Bäume zu sehen. Und abends beim Lagerfeuer Geisterstories auszutauschen.

Das Schönste an so einem Gewässer in der Wildnis ist, dass man beim Schwimmen Wasser trinken kann. Unsereins ist ja bereits als Kind in dem Bewusstsein ausgewachsen, dass der Fluss einfach dreckig ist. Das steckt so tief in den Menschen, dass die meisten Berliner z.B. das Wasser der Havel für dreckig halten, wenn im Sommer die Algen es grün färben. Dass dies zum Leben einer Flusslandschaft gehört, wollen wir nicht wahr haben. In Jim Jim war das Wasser aber nicht trüb, war ja auch Winter. Man konnte an Rande des Sees sogar die Fische filmen.

Nach einer Weile wurden wir aber unruhig, weil die ewige Ruhe für Leute aus der Großstadt zuweilen nervig sein kann. Wir wollten Wasser sehen, fallendes. Also wieder in den Camper, losdieseln. Diesmal mussten wir 12 km über die Klamotten fahren und, vor Erreichen der Fälle, Jim Jim Creek überqueren. Leichter gesagt, denn getan. Der Fluss hatte etwa 1 m Wasser. Da half eine Dose beer …

Wer zu dem Jim Jim Wasserfall möchte, braucht unbedingt ein Fahrzeug, das Klettern kann. So ein Ding hatten wir ja. Nun ist ein Vierradantriebler nicht unbedingt eine kleine Kiste, unser war sogar ein Truck von Mitsubishi. Normalerweise stellt die Breite eines Fahrzeugs einen nicht vor unüberwindbare Probleme. Wenn man aber nach Jim Jim will, schon. Denn der Anfang der Piste besteht aus einer schmalen Sandspur, die das Fahrzeug einsinken lässt. Rechts und links stehen Bäume, die eine elegante Allee ergeben. Leider konnten wir sie nicht ebenso elegant befahren wie die Leute, die vor uns gefahren waren. Denn die fuhren meist die beliebten Bushcamper, die zwei Betten boten, während wir eben einen Truck unser eigen nannten. Dessen Spurbreite war so unterschiedlich, dass wir uns nur wellenartig vorwärts bewegen konnten. Das Auto schwamm von einer Rille in die andere und streifte mal den rechten mal den linken Baum der Allee.

An und für sich kein Problem, weil die Spiegel ganz schön robust gebaut waren. Aber ich wollte nicht die ganze Botanik zerstören, nur um zu einem Wasserfall zu gelangen. Außerdem lassen sich nicht alle Äste so leicht biegen. Also vorwärts mit leichtem Schwung nach oben und seitwärts. Eben wellenförmig in zwei Dimensionen …

Als mein Fluchen von Oben erhört wurde, und die Allee etwas breiter, konnte ich überhaupt nicht mehr fluchen, weil wir jetzt über ein Waschbrett fuhren. Aus einem alten Film (Lohn der Angst) hatte ich gelernt, dass man das Vehikel auf über 80 Sachen bringen muss, um über die Rillen zu fliegen. Jedenfalls hatte der Romancier das so dargestellt. Wir hatten zwar nicht die Explosion einer Ladung von Nitroglyzerin zu befürchten, aber mit 80 Sachen gegen die Palme geklatscht fühlt sich auch nicht romantischer an.

Irgend wann mal hörte der Unsinn auf, und ich musste mir keine Gedanken über die Geschwindigkeit mehr machen. Die Piste überließ ihren Platz einem Steinhaufen, der länger als breit war. Das war also die Straße. Jetzt habe ich verstanden, warum ich die Wege nicht verlassen sollte. Wenn dieser Steinhaufen eine eingezeichnete Straße sein soll, wie wird wohl die freie Piste aussehen. Wir wurden durch und durch geschüttelt. Zwei Kinder mussten hinten sitzen und den Kühlschrank bei Laune halten, damit dieser sich nicht aus der Verankerung löste. Ein Kind stieg öfter aus und lief dem Auto voraus, um die weitere Strecke zu erkunden. Ja, die Mädels kamen etwa doppelt so schnell voran wie das Auto.

Zwischendurch mussten wir aussteigen, um Brennholz zu sammeln, weil man da oben nicht einmal herab gefallene Zweige verbrennen darf. Von wegen Wildnis. Alle Leute, die wir später trafen, hatten ihr Holz mitgebracht. Die Camps hatten zudem weder Mülleimer noch die üblichen Stätten, die der Erleichterung dienen. Nimm Alles mit, was Du mitgebracht hast und hinterlass nur Deine Fußspuren. Nicht ganz. Die Asche mussten wir nicht mitnehmen.

Am Pool …

Ein Fall auf alle Fälle?

Normalerweise hilft einem eine Dose Bier vielleicht über eine traurige Stunde hinweg, oder es löscht den Durst etwas. Wie man aber mit Hilfe einer Dose Bier über einen Fluss kommt?

Als wir Richtung Twin Falls fuhren, erreichten wir nach wenigen Kilometern Jim Jim Creek, den Bach, der zuweilen so viel Wasser führt, dass man besser auf der anderen Seite bleibt. Da es langsam Abend wurde, wollte ich die Durchfahrt nicht mehr wagen. Wie nett, dass direkt am Fluss ein Campinplatz ist. Als wir unsere Zelte aufschlugen, kam ein schüchterner Australier und erzählte, dass er der Fahrer des Graders ist, des Straßenhobels, der das Waschbrett wieder erträglicher macht. Er wäre schon sechs Wochen hier und hätte in der Zeit nur warmes Bier getrunken. Da wir die einzigen vor Ort waren, die einen laufenden Kühlschrank hatten, hatte er sein Glück bei uns versucht. Ich griff in den Kühlschrank rein und sah zu meinem Erschrecken, dass dies die letzte Dose Bier war. Also?

Wir teilten uns die Dose, und er versprach, mir den Weg zu ebnen. Tatsächlich fuhr er am nächsten Morgen auf die andere Seite, prüfte dabei die Untiefen und gab Signal, rüber zu kommen. So kam ich nicht nur sicher auf die andere Seite, sondern auch zu einer Aufnahme der Szene.

Später hörte auch die vorgebliche Straße auf zu existieren, und wir mussten die Karre stehen lassen, um zum Wasserfall zu gelangen. Auf einem Schild las man, der sei nur 750 Meter entfernt. Keine 10 Minuten also. Von wegen! Etwa eine Stunde Kletterei auf Felsen war das Mindeste. Man hätte einen Teil der Strecke auch schwimmen können. Leider las man auf vielen Schildern nicht so nette Warnungen. Es hieß: „Do not enter the water downstream of the Jim Jim Falls plunge pool. Estuarine crocodiles may be present.“ Langsam zum Mitschreiben: Hier gibt es große Krokodile, die einen zum Fressen gern haben, salties. Hingegen werden die üblichen Crocs als scheu bezeichnet. Sie würden nur während der Brutsaison aggressiv werden. Es ist ein einmaliger Kick, über Krokodilen zu schwimmen. Die, die freshies, liegen unten im Pool und sehen aus, als würden sie sich nicht für uns interessieren. Tatsächlich braucht man keine Angst zu haben, weil es hier genug Fisch gibt.

Man darf auf dem Wege zum Wasserfall nicht näher als 50 m zelten und muss seinen Müll schön im Camper behalten. Sonst kommt Besuch. Insbesondere beim Putzen von Fisch läuft der glückliche Angler Gefahr, eine Berühmheit zu werden, allerdings eine ganz schön traurige. Die Zeitungen vergessen einen, ehe man verdaut ist.

Gefährlicher als die Krokodile wirkt unser lebenswichtiges Nass. Manchmal könnte es sein, dass es fehlt. Dann fällt man um. Nennt sich Dehydrierung. Oder man hat zu viel davon. Es ist aber nicht die Rede vom Ertrinken. Hinter dem plunge pool, also dem Becken, das durch den Wasserfall ausgegraben wird, fließt das Wasser plötzlich ganz eilig. Nennt sich flash flood. Wenn man irgendwo in der Wüste auf einsame Warnschilder stößt, die in der Knochen trockenen Umgebung vor Fluten warnen, muss man sich hüten. Oder besser nicht weiter gehen. Die Fluten kommen, wenn es in der Nähe heftig geregnet hat. In der Wüste kommen sie ganz schnell, ansonsten auch nach einem halben Tag. Dann verwandelt sich dieses friedliche Tal in einen reißenden Strom, der alles mitnimmt, was keine tiefen Wurzeln eingegraben hat.

Am Tage unseres Besuchs gab´s weder crocs noch flash floods, sondern eine große Stille. Meine Töchter moserten, dass wir nichts von dem großen Wasserfall hörten. Und ich vertröstete sie auf später, wir müssten noch näher heran gehen. Nach etwa zwei Stunden saßen wir am Ufer eines Sees, in den der Fluss einen Dauerköpper veranstalten sollte. Er fällt eine mächtige Felswand herunter und gräbt ein relativ tiefes Loch. Je nach Höhe des Falls liegt ein mehr oder weniger ausgeprägter Wasserschleier darüber. Bei Jim Jim sind es 200 Meter. Wenn der Fluss denn Lust verspürt, zu fallen.

Dies geschieht allerdings in Australien wohl nicht immer. In der Trockenzeit nehmen die Wasserfälle Auszeit. So auch Jim Jim, als wir kamen. Nach einer elenden Fahrt im Geländegang und zwei Stunden Kletterei standen wir Nu vor einem trockenen Wasserfall.