Twin Falls

 

So einfach kommt man zu den Twin Falls nicht. Von Jim Jim aus muss man zwar nur etwa 12 km fahren, die haben´s aber in sich. Nicht nur dass Pferde viel schneller wären als das Auto, auch die Kinder kamen rascher vorwärts. Das lag vermutlich daran, dass sie einfach geradeaus liefen, während jedes Rad des Autos einen anderen Hügel zu erklimmen hatte. Diese waren zwar relativ klein. Aber alle gleichzeitig auf- und abfahren zu müssen, gab der Kiste einen eleganten Schwung, allerdings himmelwärts. Gefühlte Geschwindigkeit etwa Null, jedenfalls in Fahrtrichtung.

Dann kam der Fluss, Jim Jim Creek. Der Wasserstand betrug zum Glück nicht 1,40 m wie unterwegs gehört, sondern „nur“ etwa 1 m. Allerdings sagen solche Angaben nichts darüber aus, ob jedes Rad etwas zu fassen kriegt. Zum Glück konnte unser Wohntruck auch auf drei Beinen voran kommen. Und sein Schnorchel hielte den Motor noch bei 1,40 m am Leben. Dennoch wollte ich nicht gegen Abend über den Fluss, weil ein Aussteigen aus dem abgesoffenen Auto im Fluss wegen der biologischen Eigenheiten von Krokodilen abends viel gefährlicher ist als morgens. Die Kuscheltierchen sind nämlich ein Wunder an Energieeffizienz und vergeuden keine eigenen Ressourcen, wenn die Sonne ihnen die Arbeit abnimmt. Da sind z.B. Ingenieure des Bauwesens und des Lichts anderer Meinung. Die bauen lichtdichte Gebäude, damit es auch tagsüber Sinn macht, künstliches Licht zu brennen. Und dann lachen sie auch noch über Schilda. Krokodile sind hingegen sehr intelligent. Ein ausgewachsenes Tier mit imposanten Ausmaßen kann einen Monat von einer Maus leben. Leider muss es für dieses Sparwunder eine unendliche Trägheit am Morgen in Kauf nehmen. Nachts scheint die Sonne nämlich nicht, jedenfalls in Australien nicht. Daher nimmt die Temperatur im Krokodilinnern ab, und zu, wenn die Sonne wieder scheint. Morgens sind sie etwa so beweglich wie ein Student nach einer durchzechten Nacht.

Da viele Leute so denken wie ich, kampierten wir vor dem Fluss, wo ein Campingplatz steht. Dieser sah aus wie eine Ausstellung für Zelte und Camper mit einem obligatorischen Lagerfeuer davor. Dieses heißt in Australien „billy fire“, weil man dort zuerst den Teekessel alias billy anschmeißt. Eine fröhliche Aufgeregtheit lag in der Luft, voller Erwartung, was den nächsten Morgen angeht. Da sollten wir den Fluss überqueren und die letzten Kilometer bis Twin Falls fahren. Man ging von Lagerfeuer zu Lagerfeuer und tauschte Nachrichten aus. Warst Du in Adelaide River? Nö? Musst Du hin, da hüpfen die Crocs in voller Länge aus dem Wasser. Yellow Waters schon gesehen? Musst Du auch hin, uns hat ein Krokodil angegriffen, als wäre unser Boot ein Einbaum. Dabei war es 10 m lang, das Boot, nicht das Krokodil.

Dann kam der besagte Grader-Fahrer, der auf der Suche nach einem kühlen Bier war. Wir schnackten so lange, bis das Feuer kleiner und kleiner wurde und ausging. Überall poofte es. Die heitere Gesellschaft war endlich im Reich der Träume angekommen. Ich steckte mir eine Pfeife an und kriegte es mit einer Tochter zu tun. Aber Papa!

Wo geht es zu den Fällen bitte?

Um ins Reich unserer Reiseträume zu kommen, reichte es nicht, den Fluss zu überqueren und viele Hopser über den Steinschlag zu absolvieren. Zu Twin Falls kann man nämlich nicht fahren. Laufen leider auch nicht. Wer nicht schwimmen will oder kann, sieht Twin Falls nicht. Die Strecke hört sich nicht allzu lang an, 750 m, aber man muss bedenken, dass man alle Utensilien mitschleppen muss. Wie hält man eine Kamera, wenn man schwimmt, aber die Kamera nicht schwimmen kann? Ich hatte sogar ein Stativ, damit die Videos nicht verwackelt sind.

Die Lösung nahm mir ein Amerikaner ab. Er hatte ein Bogie-Board bei sich, auf dem ich meine Kamera verstauen konnte. Nicht nur das. Mit dem Stativ zusammen konnte man sogar Aufnahmen beim Schwimmen produzieren. So wurde aus der MUSS-Strecke eine recht vergnügliche Schwimmparty. In der Ferne hörte man japanische Gruppen, die Echos in der Schlucht probierten. Drum herum herrschte tropischer Wald plus australischer Rock, nicht der Tanz, sondern der Felsen. Rot bis rötlich braun mit grünen Sprengseln drin. Hier wurde vor Krokodilen nicht gewarnt, weil die wohl kein Geländewagen fahren können. Dann waren wir endlich am Wasserfall, an dem wirklich auch Wasser fiel, zwar nicht tief, aber immerhin.

Twin Falls wirkt weder imposant noch erdrückend wie manch anderer Wasserfall. Der Ort wirkt eher wie ein Badestrand, an dem etwas Wasser die Felsen runter läuft. Allerdings ein Strand, an dem jeder, den man trifft, etwa 40 km Fahrt durch Sand, Dreck und Klamotten und 750 m Schwimmen hinter und vor sich hat. Selbst die Gruppentouris, meist junge Leute, abenteuerlustig und laut, sind sehr sportlich. Und allesamt befanden wir uns in einer netten, anregenden Gesellschaft. Und alle waren die ganze Zeit über Krokodilen geschwommen. Über freshies, allerdings.

Leider war der Rückweg weniger nett, weil der Amerikaner mit seinem Bogie-Board vorher weg geschwommen war. Und Nu hatte ich das Problem, eine Kamera über Wasser zu halten. Zum Glück hatte ich das Stativ dabei, das mir half, die Kamera möglichst oben zu halten. Die Schönheiten der tropischen Landschaft waren mir ziemlich schnuppe geworden, weil ich zuerst meine Kamera retten wollte. So schwamm und schwamm ich mit einem Arm in der Luft die 750 m zurück, oder gefühlte 10 km.

Als der Tag sich zu seinem Ende neigte, waren wir „done“. So viele Eindrücke in einer fremden Welt, erlebt man selten. Und so viele nette Gesichter mitten in der Wildnis. Was wahre Wildnis ist, durfte ich bei meiner Rückreise in Berlin erleben. So wurde ich bereits nach der Landung von einer Frau weggeschubst, weil ich einige Sekunden zu lange gezögert hatte, mich Richtung Kontrollpunkt zu bewegen. Am nächsten Tag wurde ich beim Eingang zum Schalterraum meiner Bank zur Seite gedrückt, weil jemand es eilig hatte. Der regte sich auf, dass ich mich zu langsam vorwärts bewegte. Wie beruhigend war doch die Wildnis gewesen!

Wer nach Jim Jim und Twin Falls möchte, muss sich vorher ausreichend vorbereiten. Die Tour ist nicht ohne. So habe ich auf der Klamottenpiste, ca. die Hälfte der 80 km von und zur asphaltierten Straße, die Hälfte meines Tanks verbraucht, der für 800 km berechnet war. Sollte sich der Wagen des Vordermanns einfallen lassen, eine Weile zu streiken, gibt es meistens keine Ausweichmöglichkeit. Ebenso, wenn einem ein Auto entgegen kommt. Da muss einer so lange rückwärts fahren, bis eine Lücke zwischen den Bäumen erreicht ist. Ein Auto ohne roo bar, das ist keine Vergnügungsstätte, sondern die Rammstange vor dem Auto, und Steinschlaggitter ist ziemlich verloren.

Den australischen Sommer mit dem vielen Wasser kann man getrost vergessen. Denn die Tatsache, dass es keinen Weg zu Jim Jim gibt, sondern nur Kletterklamotten, und zu Twin falls geschwommen werden muss, verdanken wir keineswegs der Faulheit der Aussies. Im Winter können flash floods kommen, die die Klamotten wie Murmeln durch die Gegend schieben.

Gegen die Gefahr durch giftige Tiere braucht man sich hingegen nicht zu schützen. Hilft eh nicht! Wer sich einen Film über tierische Gefahren in Australien zu Gemüte führt, bleibt lieber zu Hause, oder sogar im Bett. Brrrrr! Aber keine Sorge. Kein Tier ist scharf darauf, uns zu treffen. Aber salties schon. Deswegen war Twin Falls 2003 gesperrt. Oh, je. Und ich bin mit drei Kindern darüber geschwommen.