Tennant Creek

 

Dann haben sie ihre Mine verkauft, weil sie dachten, man habe genug Vermögen angesammelt. Nun, ja! Der Käufer, eine Minengesellschaft , hat schlappe 38 Tonnen Gold gefördert.

Insgesamt wurden wohl 5,5 Mio Unzen Gold gefördert, die erste von Otto Wohnert nicht mitgezählt. Die Stadt wurde auf goldigen Hoffnungen aufgebaut, die leider verflogen sind. Die „Gold Stamp Battery“, das ist das Werk, in dem das Gestein zu Krümeln verarbeitet wurde, wird nur noch für die Touristen angeschmissen, die Schaumine auch. Die Stadt ist reich an historischen Stätten, hat man mir gesagt. Wenn man die Telegraphenstation ausnimmt, stammt das älteste Gebäude aus 1934. Wow, habe ich ausgerufen, als man mir das erzählte. Echte Altertümer für einen, in dessen Heimatstadt die Archäologen gerade ein Grab mit einem Alter von etwa 8.200 Jahren ausbuddeln.

Nicht so alt, vielleicht noch viel älter dürfte die Kunst der Aborigine sein, die man hier bewundern kann. Deren Felsmalereien halten so etwa 10.000 Jahre. Im Herzen von Australien trifft man viele von ihnen. Sie haben über 200 Jahre, nicht etwa Versklavung, Ausrottung überlebt. Ganz heil, allerdings nicht. In Tennant Creek haben sie ein mächtiges Alkoholproblem. Man will sie daher in die Tourismusprojekte einbeziehen, Arbeitstherapie also.

Ein Mensch hat sich bereits in ein Projekt vertieft, Col. Bremner. Er hat sich die Mine von Wohnert gekauft und geht dort seinem Hobby nach, Shakespeare deklamieren. Da man so etwas bei Tage nicht sehr stimmungsvoll arrangieren kann, macht er es bei Lagerfeuer am Abend. Es gibt einen Tee auf dem Billy-fire, er reicht Gebäck und ab geht es in die Hand gebohrte Mine des Schneiders. Wenn man dort lange Zeit verbracht hat, sieht man Dinge, die man nie gesehen hat. So habe ich das einzige Mal in meinem Leben vier Planeten aufgereiht auf der Ekliptik beobachten können. Angeblich sieht man unter besonders günstigen Umständen fünf Planeten mit dem bloßen Auge. Vier kommen mir aber trotzdem wie ein Wunder vor.

Draußen wartet auf einen der Tee auf dem Lagefeuer und Essen. Dazu schmettert der Meister seine Shakespeare-Verse aus vollem Herzen. Zwischen den Zeilen hört man immer wieder, wie er den deutschen Schneider bewundert, der die Mine ohne Sprengstoff erstellt hat.

Kennen Sie Beethoven? Diesen ganz bestimmt nicht. Beethoven ist nämlich ein Gerät, eins, das der Gesunderhaltung dient. Obwohl es schon in Pension lebt, amüsieren sich viele Leute, wenn sie von seinem Beruf hören. Beethoven sorgte für sichere Sprengungen, als hier Gold gefördert wurde. Tennant Creek wurde als die Stätte des letzten Goldrauschs berühmt. Da man in der ganzen Gegend auch heute noch Gold schürfen darf, kann sich der Ort noch Heart of Gold nennen. Was aber mit Beethoven? Es sorgte dafür, dass die Sprengung einer Wand nacheinander erfolgte, damit der Bergmann zählen konnte, ob seine Lunten alle gezündet hatten. Ansonsten macht es bummmm, und später noch einmal bumm! Bergmann tot! Die Kiste heißt deswegen Beethoven, weil die Zündung bum bum bum buuuuum macht.

Das Gold im Herzen war allerdings nicht leicht zu entdecken. Denn in Tennant Creek fehlte etwas, was zum Goldfund gehört, viel Wasser. Das Wasser wäscht das Gold aus dem Gestein, und später findet der glückliche Digger es als Nuggets. Weniger glückliche waschen es als Staub. Nicht so in Tennant Creek.

Man ahnte bereits in der Zeit, als hier 1872 die Telegraphenstation errichtet wurde, dass das Gestein Gold enthält. Da sich das Gold fast immer im Flusssand finden lässt, war es ein Rätsel, wo es sich versteckt hielt. Die Lösung des Rätsels: Im Gestein selbst. Das fehlende Wasser bildete den Grund für die fehlende Erosion. Einem deutschen Schneider blieb es vorbehalten, das Gold an die frische Luft zu holen. Der Kerl hieß Otto Wohnert und war wirklich ein Schneider. Er war in der Zeit der großen Depression nach Australien gekommen, weil seine Anzüge in Deutschland nicht gefragt waren. In Tennant Creek hat er mit Hammer und Meißel eine Mine gebohrt und Gold gefördert. Leider erwies sich seine Bergmannskunst als nicht erheblich ergiebiger als seine Schneiderkunst. So soll es auf eine volle Unze gekommen sein.

Nun war das Gold gefunden und es dauerte nicht lange, bis man einen Weg fand, es dem Gestein zu entlocken. Man muss es klein kloppen und auswaschen. Leichter gesagt als getan. Denn Wasser war knapp hier in der Wüste. Ergo? Das Gestein wurde auf Kamele verladen und ca. 700 Meilen weiter verarbeitet. So etwas nennt man heute eine Schnapsidee. Die krisengeschüttelten Menschen der 1930er Jahre fanden sie in Ordnung. Die ersten, die richtig Gold förderten, sollen auf 15.000 A$ gekommen sein.

Heart of Gold

Tennant Creek nennt sich ein in unseren Maßstäben kleiner Ort mit ca. 3.000 Einwohnern. In Northern Territory ist das aber bereits eine Großstadt. Etwa jeder Dritte bezeichnet sich als Aborigine. In der Disco merkt man schon, dass hier viele Ureinwohner leben. Der Bürgermeister der Stadt befehligt eine Streitmacht von 25 Polizisten, die ein Gebiet von 22.000 Quadratkilometer überwachen. Auf Deutschland übertragen macht das 397,7 Polizisten. Da aber allein die bayrische Polizei 32.000 Beamtinnen und Beamte beschäftigt, muss es um Tennant Creek entweder zugehen wie im Wilden Westen oder es herrschen exakt die umgekehrten Verhältnisse vor. Was wohl? Tatsache!

Nicht nur in Tennant Creek ist mir die Wildnis abhanden gekommen. Es war ruhig wie auf einem Friedhof, was Kriminalität angeht. Und viel Musik gab es, Didgeridoo-Musik. Wir haben ohnehin eine komische Vorstellung von der Wildnis. Der gesetzloseste Ort, den ich mir früher vorstellen konnte, war Laramie, wo Cowboys besoffen die Straßen leer schossen. So jedenfalls in den Filmen. Heute gibt es den Wilden Westen nicht mehr. Aber es sollen mehr Leute im Jahr durch Schusswaffengebrauch in Laramie umkommen.

Foto Obliot

Foto Tourism NT