Eine kleine Irrfahrt

 

Der Flug von Molokai wäre Grund genug gewesen, nach Hawaii zu kommen (bitte links sitzen, um die großen Vulkane zu genießen, Sitznummern mit A am Anfang). Wir flogen zwar bei Morgengrauen ab, was für einen Langschläfer als Äquivalent zu einem Aufenthalt in dem Gästehaus von George Bush in Guantanamo angesehen werden kann. Selbst die größten rauchenden Schlote der Welt nahmen sich aber wie ziemlich Dreck aus gegen die Gesamtansicht der Landschaft, so fantastisch sah es aus! Augenblicke wie den bei der ersten Sichtung von Big Island kann man weder bezahlen, noch zweimal erleben.

In Hilo gelandet suchte ich zuerst - nach was denn? - eine Hamburgerbude, weil amerikanische Fluglinien unter Service das verstehen, was man Deutschland vorwirft, Service-Wüste. Wenn es denn bei ihnen was gibt, dann einen Keks und ein „Softdrink“, womit eine Limo aus einem Pappbecher, Pardon Plastikbecher, gemeint ist. Zwar kannte ich Hawaiireisen so, dass man von einem Ober mit Frack bedient wird, das aber nur aus alten Filmen. Die Realität hingegen präsentiert sich recht schnöde. Wenn man denn am Tisch bedient wird, dann von einer grauen dicken Mammy (grau, weil die Leute weder schwarz noch weiß sind), die zwei Kannen durch das Lokal balanciert, aus denen eine etwas besser als sie gefärbte Flüssigkeit in die Tassen gelassen wird, Kaffee genannt. Auch wenn es keiner glauben mag, diese Damen vermisse ich, wenn ich woanders bin. Die Ober mit Frack hingegen nie.

Nach der üblichen Mampferei machte ich mich daran, ein Auto zu mieten. So etwas ist in den USA wahrlich kein Abenteuer. Super-professionelle Agenten drehen einem im Nu ein Auto an, das man garantiert nie hätte mieten wollen. Eigentlich wirklich professionell. Das einzig Dumme ist, dass man für eine Zusatzversicherung, die man nicht braucht, halb so viel zahlt wie für das Auto. Dafür muss der Agent einem die grauenhaftesten Vorfälle rezitieren, die einem Autofahrer passiert sein sollen. Kennt jemand die Sache mit dem Schwein in Neapel, das auf einem Balkon aufgezogen wurde, bis sein Gewicht zu hoch für das altehrwürdige Gebäude wurde? Hausschwein auf dem Schoß oder Kondor lässt Schlange auf die Motorhaube fallen… Isss gut! Mich kann keiner mehr erschrecken, dachte ich. Was aber dann kam, konnte wirklich der Agent mit der größten Fantasie der Welt erfunden haben …

Was man mir bei der Mietstation erzählt hat, weiß ich nicht mehr genau. Bestimmt habe ich nicht richtig hingehört. Denn mein Weg auf den Vulkan wurde durch Schlagbäume versperrt, die nagelneu aussahen. Sie standen auch auf keiner Karte. Irgend etwas hatte der Agent erzählt, so von wegen von Eruption. Was juckt so etwas einen Berliner Touri, der auf einen Vulkan will?

Ich nahm an, ich hätte mich verfahren. So fuhr ich eine Biege um den Vulkan, was leichter gesagt denn getan ist. Das waren etwa 80 Meilen. Allzu spektakulär sah der allerdings nicht aus. Etwas größer als der Teufelsberg, ja. Aber ein Berg, der die Erdkugel eindellt? Langsam wurde es den Kinderlein zu viel, denn die Rückseite der Insel, ich meine die Leeseite, sieht eher wie Wüste aus (Bild aus mongobay.com). Dort wachsen sogar Kakteen. Wir wollten aber nicht in Death oder Monument Valley rumturnen, sondern eher im Regenwald oder so.

Die Fahrerei wurde immer hoffnungsloser, weil wir überall an Schlagbäume stießen. Als ich an einem von ihnen zufällig einen Ranger traf, fragte ich ihn, was denn los sei. Er murmelte ruhig was von „eruption“ und „lava“. Ach ja, gestern Nacht hatte eine erneute Eruption halt die Wege blockiert. Dann entfuhr mir etwas, wofür der Kerl mich wohl bis heute für nicht mehr sozialisierbar hält. Ich fragte ihn, wie lange wir warten müssten, bis die Wege wieder frei sind. Er verzog keine Miene und sagte: „I think, forever, Sir!“

Tatsächlich können nur blöde Touris auf die famose Idee kommen, man könnte Lava von der Straße wegfegen wie frisch gefallenen Schnee. Nu stand ich da mit meinem Versprechen an die Kinder, wir würden einen Vulkan sehen, einen aktiven, aber nicht von unten.

Aller Hoffnung beraubt fuhr ich zurück nach Hilo, um den Autovermieter zur Rechenschaft zu ziehen. Wieso sagt mit keiner, dass sich der Vulkan gestern anders überlegt hatte? Ich lernte meine Argumente auswendig und wollte losstürmen, um die Kerle fertig zu machen. Da sah ich den Helikopter! Er versprach, uns in den Krater des Kilauea zu fliegen. Brrrr!

Was dann folgte, lässt sich kaum treffend beschreiben. In einen aktiven Vulkan fliegen, der auch noch der Göttin Pele gehört, die jeden Ungläubigen ins ewige Feuer befördert? Uff! Wir sollten das volle Programm erleben, in dem manche Szenen sich nur einige Meter neben dem Schlund der Hölle abspielen. Und das mit Amis, deren Versicherungen jegliche waghalsige Tat mit ewiger Verdammnis bestraft. Nur deswegen habe ich die Sache mitgemacht. Logisch: Wenn diese Leute so waghalsig sind, dass jemand zu Schaden kommt, gibt es die nicht mehr, jedenfalls nicht beim zweiten Mal. Ab in den Vulkan!