Bei den Pyramiden
Unsere Reise begann am ersten Morgen mit einer Fahrt zu den Pyramiden. In Gizeh waren wir bereits. Der Veranstalter hatte uns mitgeteilt, dass unser Hotel am Eingang der Pyramiden wäre - am Ende musste man doch etwa 30 Minuten durch ein Chaos dümpeln, bis man die Pyramiden erblickt hat.
So allzu erhaben fand ich das Ganze nicht, was bestimmt an unserem Reiseleiter gelegen hat, der eher seine Moneten - ich meine, die, die er noch nicht hatte - im Sinn hatte als unser Wohl. So ging es übrigens die ganze Reise lang. Nicht nur er war redlich bemüht, unsere Taschen so gut wie möglich zu leeren, sondern jede Person, der wir irgendwie begegnet sind. Wer nach Ägypten fährt, sollte sich leere Taschen zulegen - und nicht volle, aus denen man alle beglückt. Satt werden die 80 Mio Ägypter eh nicht. Dabei bin ich in einem Land aufgewachsen, wo das Wort Bakschisch geboren worden sein soll. Aber so etwas wie in Ägypten erlebt man nicht mal in den ärmsten Gegenden der Welt, wo Menschen echt verhungern. 80 Mio Ägypter = 160 Mio Hände, die nach Bakschisch gieren.
Nicht zu glauben, dass deren Vorfahren die wohl imposantesten Gebäude aller Zeiten aufgetürmt haben. Noch etwas: Man bekommt hier eine allerfeinste Kunst der Geschichte vorgeführt, die man auch heute kaum nachahmen kann. Vieles, was die alten Ägypter vollendet haben, ist auch heute noch ein Rätsel! Was deren Nachfahren uns unter die Nase gerieben haben, damit wir das Zeug kaufen, ist mir ein größeres Rätsel. Wie kann man den Leuten viele tausend Jahre alte Kunstwerke vorführen und ihnen gleichzeitig üblen Ramsch vor die Augen halten? Ich grummelte nur noch „Ramschess und Bakschischia“, als mir die Herrscher von Ägypten vorgeführt wurden.
Bereits am Anfang der Tour fand die erste Attacke auf unser Portemonnaie statt. Wir hatten Tickets für das Gelände um die Pyramiden, aber keine, um die zu betreten. Kein Problem, mit Vitamin B, oder 300 Pfund, kann man sich das Recht erkaufen, bücklings in die Pyramide von Cheops zu krabbeln. Die von Chephren war billiger und ohne Vitamin B zu betreten.
Genauso billig konnte man aber nicht wieder heraus kommen. Langsam zum Mitschreiben: Um die Altertümer zu schützen, nimmt man den Leuten die Kameras ab, weil die Blitze die Zeichnungen langsam aber sicher zerstören. Am Eingang reichen aber die für die Sicherheit der Altertümer zuständigen Kerle einem eine LED-lampe, die garantiert mehr Schaden anrichtet als 100 Blitze. Am Ausgang muss man die Lampe abgeben und die gierige Hand mit Scheinchen füllen.
Abends soll es hier eine Atem beraubende Licht- und Tonschau geben. Die gibt es übrigens bei allen Tempeln. Kostenpunkt 35 € gemäß unserem Reiseleiter. Ansonsten viel billiger. Milliarden von Touris können sich nicht irren - das muss schön sein. Von unserer Reisegruppe wollte sich niemand diesem Spektakel unterwerfen. Nicht wegen der 35 €, sondern aus Prinzip.
Für wenig Geld gab es das Schiff zu besichtigen, mit dem sich der tote Pharao in die Unterwelt begab. Ich war nicht dabei. Die, die es gemacht haben, waren voll des Lobes. Kein Wort hier zu den Pyramiden. Die sprechen für sich. Jede Bemerkung wäre zu viel.
Aber auch die Dummen kommen nicht zu kurz. Einer von der Reisegruppe wollte sich auf einem Kamel ablichten lassen. Das Kamel musste 12 € berappen, um von demselben wieder absteigen zu dürfen. Schlimmer hat es den erwischt, der dies hier schreibt. Ich wollte mal um die Pyramiden galoppieren. O.K.? Ein kleiner Junge mit zwei Pferden bot dies für 2 $ an. Echt ein Angebot, das man nicht ablehnen kann. Kaum saß ich auf dem Gaul, trabte ein Araber mit zwei neuen Gäulen an und meinte, auf dem Pferd, auf dem ich saß, könne man nicht reiten. Ich soll seins nehmen. So um schlappe 15 €! Wir einigten uns auf 12 € und los ging´s! Wir umrundeten die Cheops Pyramide halb und mussten stehen bleiben. Der Ägypter rieb die Finger der rechten Hand so, wie ich unzählige Male noch erleben sollte. Zahlen! Ansonsten wäre ich zu Fuss zurück zu der Familie gegangen. Oder vielleicht gar nicht? So bedrohlich sah die Lage aus. Er meinte, die Vereinbarung mit den 12 € wäre für das Pferd gewesen. Er wolle ja auch leben.
Wer nicht den Esel geben will, sollte sich bei Verhandlungen mit Ägyptern immer warm anziehen. Als der Mann mich nicht vom Pferd lassen wollte, habe ich verstanden, warum der Reiseleiter nicht mit ihm verhandeln wollte. Ob man mit Vorsicht weiter kommt, weiß ich nicht. Den Typen fällt immer was Neues ein.
Die Sache ist nicht einmalig. Einige Jahre zuvor hatte ich Ähnliches erlebt mit einem anderen Ritt. Ich hatte den Preis für eine Safari in die Wüste ausgehandelt und wollte los reiten mit einem Guide. In dem Augenblick rief der Ägypter mir nach, ich hätte das Pferd bezahlt, den Guide müsste ich noch entlohnen. Ägypten genießen - ohne meinen Anwalt sage ich nichts! Übrigens - der Guide war teuer, konnte aber nicht reiten und fiel vom Pferd. Mitten in der Wüste. Ich musste entscheiden, ob ich ihn ohnmächtig liegen lasse oder mein letztes Wasser opfern. Glücklich zurück erzählte der mir von seinen neun Schwestern, die noch eine Mitgift benötigten. Ich habe ihn mit etwas Trinkgeld abgespeist. Später lernte ich, dass die ganze Tour weniger kostete als nur dieses Trinkgeld.
So imponierend die Leistung der Alten Ägypter - mindestens ebenso imponierend die der Nachfahren. Tausend und eine Hand versuchen, einem die Taschen zu leeren. Sie vernichten damit die grandiosesten Momente, die ein Mensch je erleben kann. Hier haben Menschen vor vielen tausend Jahren mit primitivsten Mitteln Dinge vollbracht, die wir mit bester Technik vermutlich nicht zuwege bringen könnten. Und deren Nachfahren versuchen einem Dinge anzudrehen, die als primitiv zu nennen wohl übertrieben wäre. Es sei dahin gestellt, ob die Mittel von damals primitiv gewesen sind. Vielleicht waren sie so raffiniert, dass wir heute zu doof sind, sie zu verstehen.
Der Besuch bei den Pyramiden war eine Offenbarung - in vielerlei Sicht …
Was man hier verloren hat …
Kappadokien ist das Land der schönen Pferde