Nicht einmal ihre Dörfer, die wir passierten, haben in mir das Gefühl erweckt, dass die Bulgaren allzu viel anders waren als die Leute, die ich kannte. Ich muss zugeben, dass mir die Gehirnwäsche der Ideologen meine Kenntnisse aus der Geschichte aus dem Hirn vertrieben haben mussten. In dem Land, durch das wir fuhren, hatte mein Großvater noch als Soldat gedient - und viele Nachbarn in Istanbul waren Flüchtlinge aus Bulgarien gewesen.
Sofia - die Hauptstadt von Bulgarien. Sie sah wirklich anders aus, als Städte, die ich kannte. Allerdings glaubte ich, viele Gebäude zu kennen, obwohl ich noch nie hier gewesen war. Der Eindruck stimmte dennoch - viele alte Gebäude in der Türkei sind von Handwerkern aus Bulgarien erstellt worden, und die alten Griechen-Häuser in manchen Städten am Schwarzen Meer ähneln denen in Mazedonien im Stil - was kein Zufall ist. Das typische Balkan-Haus soll aus Anatolien stammen. Und der höchste Berg, den man auf der Balkanhalbinsel bewundern kann, hört auf den Namen Mussala, der von Türkisch „zu Allah“ kommt. Manche Berge erinnern an die griechische Zeit, während andere davon zeugen, dass die Walachei just um die Ecke liegt.
Auch ohne das Bewusstsein, dass ich auf einer Nostalgie geladenen Bahnreise war, genügten die Bilder, die an meinem Auge vorbei zogen, um mir die Geschichte dieses Landes eindringlich zu erzählen.
Die Herbstsonne leuchtete über den großen Mais- und Tabakfeldern, die mal in klarem Licht zusehen waren und mal in Nebelschwaden gehüllt da lagen.
Paris - Bagdad in einem Zug
Als die Welt noch ziemlich in Ordnung war, konnte man von Paris bis Bagdad fahren, alles in einem Zug - leider nur theoretisch, denn das europäische Ende der Schienen hörte am Ende des Bosporus auf, in Sirkeci. Da wo Agatha Christie aus dem Zug gestiegen ist, um zu ihrem Hotelzimmer gebracht zu werden, das heute noch ihren Namen trägt, in Pera Palas. Auf der anderen Seite - bereits in Asien, so jedenfalls nach der Auffassung von Europäern - befindet sich der Kopfbahnhof Haydarpasa, der Anfang oder das Ende, wie man´s nimmt, der Bagdad-Bahn.
Sirkeci ist ein nicht gerade besonders schöner Ort in der Nähe des Sultanspalasts Topkapı. Hier endete nicht nur der Orient Express, sondern einst auch die Macht des Byzantinischen Kaisers. Nicht mehr lange. Wenn das Marmaray-Projekt 2009 vollendet ist, werden die Schnellzüge wirklich von London bis irgendwo in Asien fahren können. Als ich mit dem Orient Express fuhr, erzählte man noch Geschichten von Xerxes, der eine Brücke über den Bosporus gebaut haben soll - oder war es Darius? Egal - der Bosporus trennte noch Asien von Europa - und ich war hier und wollte dorthin. Zwar war ich früher immer zwischen Asien und Europa zick-zack geschwommen, das spielte sich aber an den Gestaden des Bosporus ab. Jetzt musste ich weiter … Nicht nach Paris, auch nicht zum Paris des Ostens. Berlin tut gut!
Ursprünglich hatte eine französische Eisenbahnfirma den Orient Express ausgerufen, der von Paris nach Istanbul, und zwar über München, Wien, Belgrad und Sofia, etwa 3186 Kilometer fuhr. Ob man die Länge im Sommer oder im Winter gemessen hat, kann ich leider nicht sagen.
In den hedonistischen Jahren gegen Ende des 19. Jahrhunderts fuhr „tout le monde“ diese luxuriöseste und längste Tour, wobei sich die Gästeliste gleich in Who is Who der jeweiligen Epoche umsetzen ließ. Zu Beginn meiner Reise war die ganze Sache um mehrere Nummern bescheidener, nicht nur Könige und Kaiser fuhren damit, sondern auch die ersten Gastarbeiter. Nicht das Fünf-Sterne-Menue von Maitre Irgendwer stand täglich auf der Speisekarte, sondern mitgebrachte Brote, Buletten und Hühnerschenkel. Dass sie schlechter geschmeckt hätten, kann man nicht behaupten, es kommt immer auf den Hunger an.
Für die ganz hohen Herrschaften sorgte zwar wie einst die Firma Wagon-Lits-Cook mit wunderbaren Schlafwagen und rollenden Restaurants, für mich als angehenden Studenten war Kauern auf dem Sitz angesagt und Mümmeln an den Broten, die Mama für das nächste Jahrzehnt geschmiert hatte. Glücklich, wer sich einen Sitz ergattern konnte, denn Sitzplätze wurden nicht reserviert - meistens nicht. Selbst den Gang auf die Toilette musste man sich reiflich überlegen, könnte fünf Stunden Stehen heißen! (Bilder von Dick Ossemann, wirklich sehenswert)
Etwa zwei Stunden vor der Abfahrt waberte eine unüberschaubare Menschenmenge über den Bahnsteig. Kann doch nicht sein, dass sie alle in den Zug wollen? Wollten sie auch nicht! Man merke: Eine An.- oder Abreise in der Türkei, in Griechenland und vielleicht auch in Italien vollzieht sich wie ein gesellschaftliches Ritual höchster Ordnung und rangiert geringfügig hinter einer Hochzeit oder Beschneidung (bei Muslimen). So wie ein Clan bei einer Hochzeit die Braut dem Clan des Bräutigams übergibt - und dafür oft auch ein adäquates Geschenk kassiert, so übergeben die Übrigbleibenden denen in der Ferne ein Mitglied aus ihren Reihen. Nur die Sache mit den Geschenken regelt sich anders. Der Reisende wird mit Geschenken aller Art beladen, damit er sie am Ankunftsort verteilen kann. Er soll sich ja nett einführen, wenn er ankommt. Dass die Angelegenheit echt dramatisch abläuft, hängt wohl auch damit zusammen, dass er häufig nicht ankommt - oder, besser gesagt, früher nicht ankam. Heute reisen die Söhne und Töchter des Mittelmeers in einem Jet - und diese Biester kommen fast immer an. Trotzdem formiert sich die Menschentraube stets am Ausgangs- und Eingangspunkt der Reise, wie man in New York, Berlin, Athen oder Sydney erleben kann.
Bei meiner Abreise waren so etwa 100 Köpfe anwesend. Die Geschenke erreichten eine Höhe von etwa einem Meter, nachdem sie nach den Sitten des Landes zu einer Pyramide aufgetürmt worden waren. Dass ich sie über vier Tage mit mir schleppen und mehr als ein Dutzend Mal damit umsteigen würde, ahnte noch niemand. Meine Bahnkarte zeigte Istanbul - Berlin an. Einfach so direkt. Die Existenz eines Staates namens DDR war mir zwar bekannt, was diese aber bedeutete, sollte ich noch erfahren. Etwa 26 Jahre lang.
Wer glaubt, dass die Türkei ein moslemisches Land sei, liegt heute nicht falsch. Man muss aber vom Bahnhof in Sirkeci nicht gerade zwei Paar Schuhe ablaufen, um das Kreuz Christi oder Mosaiken mit seinem Konterfei (oder was man dafür hielt) zu sehen. Auch viele Landessitten, die man in Europa gemeinhin für „moslemisch“ hält, sind christlichen oder gar heidnischen Ursprungs. So kann man einen Knochen von Johannes ganze 500 m von Bahnhof im Palast genauso bewundern, wie den Bart des Propheten (echt) und seine Strickjacke. Dabei hatte gerade der befohlen, keine Menschen anzubeten. Das Grab seines Fahnenträgers (nur wenige Kilometer entfernt) ist heute sogar eine Art Wallfahrtsort und trägt dessen Namen. Die christliche Geschichte der Stadt lässt sich bis heute nachverfolgen. Ende des 19. Jahrhunderts herrschte die weltweit größte Ansammlung von Oberhäuptern christlicher Kirchen in Istanbul. Darunter auch der Patriarch der Griechisch-Orthodoxen Kirche, der Armenischen Kirche und der Bulgarisch-Orthodoxen. Während sich die älteren Kirchen ihre Gotteshäuser in Stein und hier haben bauen lassen, so auch die katholische, hat sich die durch ein Ferman des Sultans entstandene Bulgarisch-Orthodoxe Kirche, letztes Schisma, ihr Hauptquartier am Goldenen Horn zusammen geschraubt. Kein Scherz, die Kirche wurde in Wien gegossen und in Istanbul verschraubt, vernietet und zusammen geschweißt. Die einzige Eiserne Kirche der Welt.
Ich vermute, dass die Abreiseritualien bereits in der Antike existiert haben - so wie die sprichwörtliche Gastfreundschaft der Türken. Istanbul galt eigentlich als eine ganz junge Stadt für die Gegend und zählte gerade mal 3,000 Lenze. Weiter südöstlich liegt Damaskus - immerhin etwa über 5.000 Jahre alt. Als Istanbul gegründet wurde, existierte eine ältere Nachbarstadt, Chalcedon, bereits so um die 1.000 Jahre. Dass die Landessitten bis zu 9.000 Jahre alt sein können, wird man glauben, wenn man versucht zu vergessen, dass die Stunde 60 Minuten hat und der Tag 24 Stunden zählt, oder der Kreis 360 Grad. Die große Französische Revolution hat zwar mit ungeheurer Brutalität große Könige um einen Kopf kürzer gemacht, ganz Europa ganz ganz anders gestaltet - den 10-Stunden Tag hat aber nicht einmal die Drohung mit der Guillotine durchzusetzen vermocht. Kann man sich vorstellen, wie ich gelacht habe, als man mir in Tennant Creek in Australien Altertümer und historische Stätten zeigen wollte? Die Stadt ist 1935 gegründet worden! Nach neuesten Funden ist Istanbul schlappe 8.000 Jahre alt!
Meine Reise sollte bis Belgrad die südliche Strecke des Orient Express entlang fahren, aber danach Richtung Nord führen. Dafür musste der Zug erst einmal unter den Eisernen Vorhang kriechen, der sich über Europa gelegt hatte. Ab Ljubljana würde die Bahn wieder Richtung freies Land, sprich Österreich fahren. Meine Fahrkarte zeigte als letzte Station vor Deutschland Salzburg. Da die Reise bis Salzburg etwa zwei Tage dauern würde, hatte ich das weitere Studium der Route nicht mehr zu Hause vollzogen, sondern auf die Zugfahrt verlegt. Das sollte sich rächen. Denn Berlin lag nicht, wie von mir felsenfest geglaubt, an der Grenze zwischen Ost- und Westdeutschland. Ob das einen Unterschied macht?
Zurück zu den besagten Abreisevorbereitungen. Etwa zwei Stunden vor der Abfahrt hatten die meisten Reisenden vorsichtshalber ihre Sitze eingenommen. Vor den überfüllten Abteilen klumpten die Freunde und Verwandten und versperrten dem Rest den Durchgang. Dieser war ohnehin kaum möglich, denn anders als die Flugzeuge der Turkish Airlines verfügten die Waggons des Orient Express nicht über Dachgepäckträger.
Ca. 90 Minuten vor der Abfahrt setzte sich der Zug in Bewegung. Die lebhaften Gespräche verstummten plötzlich, die noch draußen gebliebenen Verabschiedungskommittees winkten wie wild, während die innen sich in Richtung Tür in Marsch setzten, so es denn noch möglich war. Sie liefen Gefahr, unfreiwillig gen Westen zu fahren. Zum Glück hielt der Zug nach einigen hundert Metern wieder, damit noch ein paar Waggons eingeklickt wurden. Rummmmss! Dann fuhr er wieder zurück und die Zeremonie der Verabschiedung konnte wieder ungestört weiter gehen.
Irgendwann mal war es so weit. Die Lok stieß diesmal eine mächtige schwarze Rauchwolke aus und fauchte los. Wir kurbelten schnell die Fenster runter und winkten der eingenebelten Schar zurück. Mein letztes Bild von meinem Verabschiedungskommittee enthielt nur schwarzen Nebel.
Dampf und schwarzer Rauch sollte uns noch bis an die Grenze von Österreich begleiten, wo eine seltsame Lok den Zug übernahm - eine E-Lok, bis dato mir nur als Name bekannt. Von Stunde zu Stunde wurden unsere Gesichter dunkler, nicht etwa gesunde Bräune, sondern viele tausend Rußpartikel färbten unser Antlitz. Als sich die Nacht über die Thrakische Ebene senkte, hörte auch die Sonne auf, unsere Gesichter zu erhellen. Die Nacht hatte etwas Gespenstisches an sich.
Mit der Würdigung dieses Erscheinungsbildes hätte ich lieber warten sollen, bis die türkischen Zöllner erschienen sind. In Edirne (oder antik Adrianapolis) kamen sie überfallartig in die Waggons, damit niemand und keine Ware das Land ohne ihre Kontrolle verlässt. Alles Gepäck wurde, wenn nötig mehrmals, unter die Lupe genommen. Auch meine 13 kg Süßigkeiten und der 5-l Kanister mit Marmelade. Sie prüften den ersten Mantel meines Lebens, der noch nie getragen worden war, weil im August gekauft. Ob ich damit Schmuggel betriebe?
Ich glaube, die Zöllner waren nicht böse gestimmt, sondern eher darauf abgestellt, uns die Stunden an der Grenze vergnüglich zu gestalten. Denn dort kamen erstens die Bulgaren, und zweitens eine neue Lok. Das Eiserne Pferd durfte zwar den Eisernen Vorhang überqueren, aber ohne Pferd. Das dauerte …
Der Eiserne Vorhang
Natürlich kannte ich ihn - den Eisernen Vorhang. Allerdings nur aus der Zeitung. Daher war es mir nicht so klar, ob es eher um eine Tüllgardine oder um schweren Brokatstoff handeln würde. Nun stand ich davor. In der dunklen Herbstnacht huschten Uniformierte mit Kalashnikows durch den Nebel, den die Scheinwerfer von zwei Dampfloks durchlöcherten. Hie eine aus einer freiheitlichen Demokratie, dort eine aus dem Reich des Bösen. Während ihre Rauchschwaden kaum zu sehen waren, ließen ihre Dampffahnen sie wahrlich gespenstisch erscheinen. Sidney Lumet muss meine Alpträume gesehen haben, als er etwa 10 Jahre später den Mord im Orient Express gefilmt hat. Geht das?
Als die bulgarischen Grenzer in den Zug kamen, wich das Gespenstische der Szene. Huch - das waren ja richtige Menschen! Davor hatte ich immer geglaubt, dass beim Kommunismus alle den sofortigen Marsch in Verbrennungsöfen antreten würden, die mit Fremden in Berührung kamen, damit sie nicht weiter erzählen, wie gut wir es haben. Diese Grenzer hatten wohl die Geschichten noch nicht gehört. Sie kamen mir nicht einmal fremd vor. Später hat mir diese Erfahrung im Umgang mit den Grenzern der DDR sehr geholfen. Während die meisten Berliner in den armen Kerlen eine Art Unmensch zu sehen glaubten und sie angemessen abweisend behandelten, sah ich in ihnen Beamte, die ihren Dienst tun. Manchmal, auch ohne dass er ihnen Spaß macht. Ich wurde von ihnen häufig intuitiv netter behandelt als andere.
Yarramalong ist das Land der wilden Pferde