Welcher Mohr ist berühmter?
Othello, der stolze Feldherr, der aus dem Mund von Orson Wells sehr hochdeutsch, Pardon Queens English, spricht, dürfte eine der größten Errungenschaften der Geschichte nicht verborgen geblieben sein. Auf jeden Fall steht eine Dönerbude bei seiner Burg umme Ecke. Noch viel schlimmer hat es indes Desdemona getroffen, etwa 500 m von dieser Stelle entfernt, nach links, betreibt jemand eine Hühnerbraterei namens „Chicken Desdemona“. Wäre Shakespeare nicht tot, müsste er sich Anblick der beiden Etablissements umgehend seinem Leben ein Ende setzen.
Die Türken, die sich in diesem Fall als lausige Eroberer darstellen, haben bei einem anderen Objekt mit viel Fingerspitzengefühl gehandelt. Der abgebildete Eingang gehört der „Lala Mustafa Paşa Camii“, genannt nach dem Eroberer von Zypern. Dem letzten. Das Gebäude, heute noch das größte der Stadt, war zwischen 1298 und 1400 n.Chr. aufgebaut worden und 1328 n.Chr. zur Kirche geweiht. Es war die Krönungskirche der Herrscherfamilie der Lusignans, die im 14. Jh. a.D. hier zu Königen des damals längst untergegangenen Königreiches Jerusalem und von Zypern gekrönt wurden. Das Bauwerk war ein bedeutendes Beispiel der französischen Gotik, was außerhalb Frankreichs selten anzutreffen ist.
Das haben wohl die Eroberer auch so verstanden und bauten für dessen neuen Verwendungszweck nur das Nötigste an, ein Mini-Minarett. Während sich die Hagia Sophia in Istanbul mit ihren vier Minaretts recht islamisch präsentiert, sieht diese Moschee christlich aus. Kein Wunder, sie war einst dem Heiligen Nikolaus geweiht und war eine gotische Kathedrale.
Als ich diese Bilder ins Internet gestellt hatte, gab es ein Nachspiel. EIn junger Grieche hat mich angeschrieben und mitgeteilt, dass die Türken 1974 die Kirche in eine Moschee umgewandelt hätten, so wie sie mit allen orthodoxen Kirchen in ihrem Machtbereich getan hätten. Ich solle nur die christliche Version des Namens benutzen.
Der arme Kerl war bass erstaunt, zu erfahren, dass diese Kirche jenen gehört hatte, die der griechisch-orthodoxen Kirche den Garaus machen wollten. Der Sage nach wurden die Osmanen in Byzanz von den Popen sogar herbei gewünscht, weil Venedig dem Reich Hilfe nur unter der Bedingung angeboten hatte, dass das Große Chisma rückgängig gemacht wird. Da sollen die Popen gesagt haben, lieber die Turbane der Türken als die Mitren der Katholen. Recht hatten sie langfristig, denn Griechenland besitzt heute eine intakte Staatsreligion, obwohl es fast 500 Jahre von Muslimen regiert wurde.
Ist das eine Frage?
Meine Beschäftigung mit der Hochkultur begann aufgrund anderer kulturell bedingter Angelegenheiten zur Unzeit, d.h. ich war damals ein Kind. Meinen drei Tanten, alle im heiratsfähigen Alter, erlaubte Großpapa nicht, sich mit ebenso heiratsfähigen jungen Männern zu treffen. Ergo? Man nimmt den „Jungen“ mit in hoch-kulturelle Treffen, wo erstens nur Kulturmäßiges abläuft, und zweitens keine Unholde werkeln, die jungen Damen nach …, ich meine, Sie wissen schon wonach, trachten. Das Opfer war ich und habe, bereits bevor ich Lesen und Schreiben konnte, zwei der wichtigsten Erzeugnisse der Literatur für das europäische Kulturvolk zu mir genommen, Hamlet und Othello. Die gewöhnliche Verbindung dieser beiden Kulturerzeugnisse, der Autor der Tragödien, hat dabei nicht die wichtige Rolle gespielt, weil ich Herrn Shakespeare nicht kannte.
Die Verbindung kam durch das Kino zustande, das damals eine wichtige soziale Rolle spielte. Es bot genügend Dunkelräume, Loge genannt, in die neugierige Blicke nicht eindringen konnten. Will sagen: In einem Kino betrat man öffentlichen Raum, und konnte sich dort dennoch recht privat aufhalten. Und wenn der kleine Neffe mit von der Partie war, lief alles sehr koscher ab. Hamlet wurde seinerzeit gespielt von Laurence Olivier, der auch Regie führte. Und Ophelia spielte die bezaubernde Jean Simmons - ooch ´ne nette Tante. Später habe ich die Sache mir näher angeguckt, in Helsingør, wo sich die Tragödie abgespielt haben soll. Die Verbindung zu Othello hat auch das Kino geschafft. Ich sah ein Schiff, einen Rahsegler, der entweder in Hamlet oder in Othello eine Rolle spielte. Auf jeden Fall gehörte das Ding nicht in meine Welt, wo nur Schiffe mit Lateinersegel fuhren.
In dem Film Othello, gespielt von einem großen Genie des Kinos, Orson Wells, gab´s denn beide Segeltypen. Die Galeonen von Venedig krachten zusammen mit den Galeassen der Osmanen, und am Ende waren die Galeonen die Sieger. Und Othello war auf Seiten der Sieger, weil er ein Feldherr der Venezianer war. Nicht ganz, er war ein Mohr - Söldner, Neger, Maure? - auf jeden Fall nicht würdig, eine weiße Frau zu erringen. Ein verdienter Feldherr war er schon, aber Desdemona hatte er nicht verdient, meinte ihr Papa.
Nun, ja. Othello war der Kommandeur der hier abgebildeten Festung, die unweit der Kirche steht, die seit 1571 eine Moschee ist. Und das Ganze spielte sich ab in der Stadt, die heute Gazimagusa heißt, die wieder den Türken gehört. Ein bisschen weiter heißt die Famagusta, weil dort die Griechen das Sagen haben. Und Salamis Bay, die der Khalif mit 1700 Schiffen angegriffen hatte. Wirklich übertrieben, oder?
Kannte Othello Döner?
Der Mohr von Famagusta (oder Gazimagusa) hat seinen Kampf gefochten, nach innen gegen die venezianische Aristokratie, und nach außen gegen die Türken. Als der Pulverdampf verzogen war, haben Venedig und das Osmanische Reich plötzlich erkennen müssen, dass die anderen (Spanier, Portugiesen, Engländer und Holländer) den Weg zu den sagenhaften Pfründen in Indien und China gefunden hatten, außen ´rum.
So wurde Zypern zuletzt die Kolonie derer, die den Weg dahin, jetzt doch über´s Mittelmeer, absichern wollten. Die Briten betrachteten Zypern als einen unsinkbaren Flugzeugträger. Zypern sinkt bestimmt nicht, aber die britische Insel hat derzeit schwere Schlagseite. Die Engländer, denen harte Produktionsarbeit auch früher nicht lag, haben sich auf „Soft …“ verlegt, Investmentbanking und so. Das ist, wenn man mit Geld anlegen 25 % im Jahr verdient (Etappenziel des Feldherrn Josef Ackermann), während die Doofen, die Kühlschränke und sonstiges nutzloses Zeug bauen, sich mit 1% oder 3% zufrieden geben müssen. Jetzt liegen die Geldtempel in Trümmern, und die Regierungen pumpen Geldscheine in Billiardenwert in die Fundamente, damit die nicht umkippen. Mal sehen, ob sich der nächste Eroberer damit begnügt, nur ein Minarett auf die Ruinen zu setzen.
Yarramalong ist das Land der wilden Pferde