Eine Festung ist eine Festung ist eine Festung

 

Venedig war so klug, um St. Hilarion zu schleifen, damit sich dort nicht die Osmanen festsetzen konnten. Die Festung, die sie brauchten, um dem Geschäft nachzugehen, haben sie hingegen aufgemöbelt. Das war die, die den Hafen bewacht. Sie war etwa im 7. Jahrhundert als Bollwerk gegen die Araber aufgebaut worden. Nun hatten die zwar nichts mehr zu melden, dafür aber die größten Kanoniere ihrer Zeit, die Türken. Sie hatten die Mauern von Byzanz zermalmt, die über 1000 Jahre allen Angriffen getrotzt hatten. Die alten Burgen zu Gerödel zu schießen, das hätten die im Nu geschafft. Also neue Mauern. Dagegen hatte der Sultan nix, weil das Verhältnis wirklich delikat war. Die Venezianer trieben Handel mit den Ungläubigen, und den einzig Gläubigen, den Muslims, war Handel lieber als Händel. Man brauchte aber die Festungen für den Fall, dass … Die Festung Kyrenia, oder Girne Kalesi auf Türkisch, sieht zu jeder Tages- und Jahreszeit echt imposant aus. Aus der Größe des Hafens, den sie überwachte, kann man erkennen, dass dort nicht mit Stroh gehandelt wurde. Pfeffer, Seide und sonstige Kostbarkeiten der alten Zeit waren in.

Die Türken beherrschten den Weg von China und Indien bis zur Levante, die Seidenstraße, die aus Venedig den Handel rund ums Mittelmeer. Man sehe sich nur mal in Google Earth die Entfernung von Beirut oder Antiochia (Antakya auf Türkisch) nach Zypern an. Ein Klacks. Die Doofen waren die Griechisch-Orthodoxen. Die wurden zwischen den Muslimen und den Katholiken richtig zusammen gequetscht. Allerdings wär´ für sie bereits früh das Ende der Fahnenstange erreicht, wenn die Türken nicht da gewesen wären. Die Griechisch-Orthodoxie hat nur dank der Muslims überlebt. Von dem Papst hätten sie keine Gnade erhoffen dürfen.

Venedig hat aber auch den Händel mit dem Sultan nicht gescheut, der immerhin der mächtigste Potentat auf der Welt war. So etwas übersteht man als Kleinstaat leider nicht gut. Keine fünf Jahre nach der Eroberung dieser Festung, und Zypern überhaupt, 1575, wütete in Venedig die Pest. Der Stadtstaat hing ohnehin in den Seilen, weil er die Eroberung von Zypern hatte rächen wollen. Leider waren die Helfer, der König von Spanien und der Papst von Rom, überhaupt nicht daran interessiert, dass sich Venedig erholte. Die vereinten Flotten schlugen in Lepanto 1571 die osmanische Flotte zu Kleinholz. Aber der Sultan frozzelte „Wir haben ihnen den Arm abgeschlagen, die haben uns den Bart abrasiert.“ So war´s denn. Auf der Burg herrschte nun Ruhe, bis 1974 die türkischen Truppen landeten. Venedig hat sich von dem Sieg in Lepanto nie wieder erholt. 400 Jahre Ruhe! Und drei weitere …

… oder auch nicht!

Wenn es denn ein Gebäude gibt, das sich mit der Natur engstens verbunden hat, heißt es St. Hilarion. Es fällt einem schwer, die Burg vom Berg zu unterscheiden. Sie trägt den Namen des Heiligen Hilarion, der nach der Rückeroberung von Jerusalem durch die Araber hierher gezogen und bis zu seinem Tode geblieben ist. Obwohl die Türken während ihrer mehr als 300 Jahre währenden Herrschaft türkische Namen für viele Orte geprägt haben, blieb der Name dieser Festung unverändert.

Die Festung hat ihre letzte Form, die jetzt nicht so sehr nach Festung ausschaut, von den Venezianern erhalten. Sie haben die Burg einfach geschleift, als sie die Herrschaft über Zypern erlangt haben, damit die Osmanen sie nicht einnehmen. Die Story muss man sich auf der Zunge zergehen lassen: Ein Stadtstaat bemächtigt sich eines Staates, der sich in Sichtweite eines der größten Weltreiche befindet und schleift eine Burg, anstelle sie zu nutzen. Das nennt man Diplomatie. Denn die Osmanen unterhielten eine delikate Beziehung zu Venedig. Eine Seite ihrer Hauptstadt, Istanbul, damals noch Konstantiniyye genannt, heißt heute noch Beyoglu, was so viel wie „Sohn des Herren“ oder Fürsten bedeutet. Dieser Herr war niemand anders als der Doge, einst Statthalter von Byzanz, später Oberhaupt des Staates Venedig. Als Byzanz Geschichte wurde, war der Statthalter seines ehemaligen Statthalters Botschafter bei der Pforte geblieben. Und der Sultan mochte nicht, dass sich Venedig starke Festungen schaffte. So kam es wohl, dass die Eroberung von Zypern eher Monate dauerte, während das später viel mächtigere Reich für Kreta 25 Jahre investieren musste.

Wann die Burg gebaut wurde, lässt sich wohl nicht mehr genau festlegen. Fest steht, dass sie aus einem Kloster entstanden ist. St. Hilarion, besser Sankt Hilarion von Gaza, hat also nicht in einer Festung gelebt. Dass diese Festung heute unter „Kreuzritterburg“ verkauft wird, hängt primär mit den Lusignans zusammen. Die Schriftstellerin Rose Macaulay nannte sie eine "Bilderbuch-Burg für Elfenkönige", und immer noch hält sich das Gerücht, dass St. Hilarion Vorlage für die Schneewittchen-Burg von Walt Disney war. Beide Burgen besitzen je drei Schutzwallanlagen mit Türmen zur Verteidigung. Nähert man sich Burg St. Hilarion, erinnert sie an an mehrere Märchenburgen der Welt und man ist sich heute sicher, dass der Ursprungsgedanke für Walt Disneys “Snow White” aus St. Hilarion stammt.

Wenn man die vielen Treppen bis auf die Höhe von 730 m ü.M. geschafft hat, merkt man gleich, wofür diese Anlage gedacht war: Ein Wachtturm. Bei gutem Wetter sieht man auf der türkischen Seite die Schiffe ablegen, und das war der Grund für den Bau. Man wollte den Feind möglichst früh entdecken. Wenn man die Geschwindigkeit der damaligen Schiffe (max. 4 kn) und die Entfernung (min. 45 sm) einrechnet, sieht man, dass der Feind beim besten Wind einen halben Tag benötigt haben muss, um in Kyrenia einzufallen. Im ungünstigsten Fall, d.h. für den Invasor, kam er von der Küste gar nicht weg oder kreuzte tagelang gegen den Wind. Man hatte daher genügend Zeit, sich auf den Überfall vorzubereiten.  

Seitdem St. Hilarion geschleift wurde, also seit 1489, wurde sie nur einmal militärisch benutzt. Allerdings waren die „Militärs“ nicht allzu militärisch organisiert. Das war in April 1964, nachdem die Griechen versucht hatten, die Insel ganz und gar in ihre Gewalt zu bringen. Zu Weihnachten 1963 massakrierten sie eine große Zahl von türkischen Zyprioten und trieben den Rest auf ca. 3 % der Insel zusammen. St. Hilarion wurde infolge dieser Ereignisse ein Widerstandsnest. Der 1960 gegründete Staat hatte ganze 3 Jahre gehalten.

Heute betreibt man die Festung als Museum. Wer sie besuchen will, muss gut im Klettern sein, denn nicht nur die Hänge sind steil. Dafür wird man durch eine wunderbare Aussicht belohnt, die bei besonderem Wetter die verschneiten Wipfel des Taurusgebirges einschließt. Als ich dort war, kam noch eine seltene Szene hinzu. Jemand flog fast zwei Stunden mit dem Lenkschirm am Berghang entlang und schoss auch mal kopfüber Richtung Meer. Am Hang reichte der Aufwind bis zu Höhen über 1.000 m hoch.

Da ein normaler Mensch nicht fliegen kann, sollte man für den Besuch einen kühlen Tag aussuchen, überhaupt für Zypern. Denn die Insel ist im Sommer schön warm - gelinde gesagt. Wenn ich mich nicht irre, ist die Aphrodite im Frühjahr ausgeschlüpft.

Noch so´n Sieg, und wir sind verloren, hatte einst der wohl traurigste Sieger aller Zeiten, Pyrrhus, ausgerufen. Das war 279 v.Chr. und der Verlierer das Römische Reich. Übrigens, der Sultan, zu dessen Zeit die Venezianer sich anschickten, Zypern zu übernehmen, hatte genau die gleiche Stelle wie Pyrrhus in Italien auserkoren, Rom, diesmal aber seinem Papst, den Garaus zu machen. Er ließ Otranto besetzen, weil diese Stadt eine Marinebasis von Byzanz gewesen ist. Und der Sultan fühlte sich als dessen Erbe. Zu seiner Gallipoli an den Dardanellen kam eine auf dem Stiefel. Pyrrhus, Rom, Venedig und der Sultan mit seinem Reich sind Geschichte. Der Papst existiert immer noch. Vielleicht, weil er eine Ideologie vertritt, während die anderen allesamt Machtinteressen verfolgt haben.

Unter solchen Interessen leidet Girne heute noch, auch wenn die Schiffe im Hafen keine Kriegsschiffe sind. Allesamt Lustdampfer! Und die fremden Eindringlinge kommen auf ein Kaffee. Es werden keine Festungen mehr gebaut, aber Touristenburgen überall die Küste entlang. In Girne kommen Flugzeugladungen „Moslems“ an, die hier in Hotels anderer „Moslems“ etwas tun, was deren Prophet strengstens verboten hat: Zocken. Ob die Hoteliers wirklich Moslems sind, lässt sich nicht feststellen, weil die Verhältnisse auf Zypern gelinde gesagt undurchsichtig sind. Während die Zockerei nur den Zockern und den Mullahs weh tut, betreibt Zypern das fünftgrößte Schiffsregister der Welt, d.h. ein erheblicher Teil der Zivilschifffahrt der Welt fährt die Flagge eines winzigen Landes. Und ein noch größerer Anteil an mysteriöserweise  verloren gegangener Schiffe war auf Zypern registriert. Was insbesondere den Versicherungen weh tut. Und Zypern verdient 70% seines Bruttoinlandsproduktes mit „Dienstleistungen“, wobei mit „Waschen“ nicht schmutzige Wäsche gemeint war. Böse Leute behaupten, die Eile, mit der das asiatische Land Zypern in die Europäische Union aufgenommen wurde, hinge damit zusammen, dass aus dem einstigen Steuerparadies nur noch ein Niedrigsteuerland übrig bleiben durfte. Man muss hier nur 10% Einkommenssteuer zahlen und keine Erbschafts-, Schenkungs- oder Gesundheitssteuer.

Ob das auch für die Einwohner von Girne gilt, kann ich nicht sagen, weil die Verhältnisse eben undurchsichtig sind. Zypern ist in der EU, Teile davon vielleicht oder auch nicht. In Girne und drum herum leben viele EU-Bürger und genießen die niedrigen Preise, die durch das Handelsembargo der EU verursacht sind. Ihre Schiffe sind in England registriert und sie können sich daher überall frei bewegen. Sie zahlen die geringen Steuern, die die aus dem Süden ausgehandelt haben. Und notfalls geben sie zwei Mal Gas und sind in der EU - diesmal ohne Zweifel. Wie man sieht, stirbt die Piraterie nicht aus. Ganz im Gegenteil: Heute müssen Piraten nicht einmal schießen.

Noch so´ne Festung